Aziza Mustafa Zadeh beim 3sat-Festival, 7. September 2002

Sie entwickelt sich immer mehr zu einer Grenzgängerin in der weiten Welt von Jazz, Klassik und Folklore. Die junge, aus Baku in Aserbaidschan stammende Pianistin Aziza Mustafa Zadeh zaubert im 3‑sat-Zelt unter dem rauschenden Beifall der Zuhörer ihre eigenen Klangwelten. In dieser grenzenlosen Symbiose steht die Künstlerin allein, braucht keine Konkurrenz zu fürchten.

Als “Princess of Jazz“ kündigt eine clevere Promotion die Wahl-Mainzerin an. Und wenn sie dann auf der Bühne steht, im lang fließenden schwarzen Kleid, schüchtern lächelt und die Hände zum Gruß zusammenfaltet, dann kann sie schon nicht mehr verlieren – auch wenn die Verwandtschaft zum Jazz recht weitläufig ist. Wenn kümmert dann noch, dass ihre Improvisationen wie Kompositionen klingen, sie erst in den perlenden Läufen und der ostinaten Bassarbeit von „Oriental Fantasy“ swingt.

Ihre virtuose Technik setzt der Pianistin keine Grenzen. Dennoch ist Aziza Mustafa Zadeh gefangen in dem Spannungsfeld, das bestimmt wird von ihrem über alles geliebten Vater Vagif Mustafa Zadeh, dem früh verstorbenen, bedeutendsten Jazzmusiker Aserbaidschans, von Bach und Chopin, die sie studiert hat, und von Mugam, der Folklore ihrer Heimat. In diesem Dreieck erklingen gewaltige Soundgewittern aus gläsern harten Anschlägen, rollende, ostinate Bassfiguren, über denen sie Melodiekürzel variiert. Es gibt aber auch zarte Balladen mit fein ziselierten und perlenden Single-Note-Läufen – balladesk wie in einer Prelude, die sie ihrem Vater gewidmet hat sowie eine Bach-Interpretation. In der „Spring Suite“ wird dann hörbar, dass die Pianistin in den zurückliegenden Jahren ihren Anschlag kultviert hat. Zwischen zarten Melodielinien und donnernden Akkord-Stakkati findet sie zu dynamisch fein abgestuftem Spiel – wenn auch ihr Anschlag insgesamt kraftvoll geblieben ist.

Einzigartig und faszinierend ist vor allem die Verbindung aus Gesang und Instrumentalspiel. Ihre über drei Oktaven reichende, hervorragend ausgebildete Stimme scattet wild tremolierend, die Melismatik der orientalischen Melodik nutzend. Sie schnalzt, zwitschert, zischt ihre „Teramisu“-Komposition, lässt „Carmen“ in einer erfrischenden Parodie ihre „l´amour pour le jazz“ entdecken.

Die Stimme wird endgültig zum Instrument, wenn die Künstlerin aus Baku mit einer kleinen Handtrommel ans Mikrophon tritt und im A‑Capella-Gesang bei „Shamans“ mit den Shamanen, den Weisen, eins wird. Als sie nach dem Konzert im 3sat-Zelt sitzt, ein Glas Sekt trinkt, sagt sie – während ihre stets in Bewegung befindlichen Finger, den Rhythmus aus „Carmen“ auf dem Tischtuch klopfen – der spirituelle Aspekt des Lebens und der Musik sei für sie das Wichtigste. Das erklärt die Faszination, die von der Künstlerin und ihrer Musik ausgeht.

| Mümpfers Jazznotizen

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