31. Theaterhaus Jazztage Stuttgart

Jubi­lä­en, Stamm­gäs­te und ein Ehren­preis

Auch die 31. Aus­ga­be der Jazz­ta­ge vom Stutt­gar­ter Thea­ter­haus boten wie­der Bewähr­tes und Novi­tä­ten. Zur Tra­di­ti­on gehört bekannt­lich, dass Jubi­lä­en von Künst­lern gefei­ert wer­den – zumeist Geburts­ta­ge. Außer­dem beschert der nach wie vor emsi­ge Kul­tur­ma­cher Wer­ner Schretz­mei­er samt Team zum Oster­fest so man­che Über­ra­schun­gen. Zu wün­schen bleibt (auch für Schretz­mei­er), dass der spe­zi­el­le „Son­der­preis für das Lebens­werk“ auch wei­ter­hin von der Lan­des­re­gie­rung Baden-Würt­tem­berg ver­ge­ben und fort­an fest in das Früh­jahrs­fes­ti­val inte­griert wird. Nach Eber­hard Weber, Wolf­gang Dau­ner und Her­bert Joos wur­de für den mit 10. 000 Euro dotier­ten Ehren­preis dies­mal Bernd Kon­rad aus­er­ko­ren.

Vie­le lan­ge Reden wur­den bei dem Fest­akt gehal­ten. Kunst­staats­se­kre­tä­rin Petra Olschow­ski rühm­te die „gro­ße prä­gen­de Musi­ker­per­sön­lich­keit“ Kon­rads. Der Päd­ago­ge und Jazz­jour­na­list Tho­mas Stai­ber konn­te in sei­ner Lau­da­tio nicht alle der unzäh­li­gen künst­le­ri­schen Unter­neh­mun­gen des eme­ri­tier­ten Musik­pro­fes­sors erwäh­nen und wür­di­gen. Als Kom­po­nist, Saxo­pho­nist auf dem Bari­ton sowie Sopran und als zeit­wei­li­ger Diri­gent und sogar als Rezi­ta­tor erleb­te man nun Bernd Kon­rad mit dem aktu­el­len Jugend­jazz­or­ches­ter Baden-Würt­tem­berg, das er über drei Jahr­zehn­te gelei­tet hat­te. „The Wha­le“ mit dem Schick­sal von Moby Dick ent­stand ursprüng­lich als Auf­trags­kom­po­si­ti­on für die Big Band von Erwin Lehn am Stutt­gar­ter Radio.

In dem Pro­jekt „Süd­pool“ ver­sam­mel­te der in Kon­stanz behei­ma­te­te Kon­rad jah­re­lang neu­tö­ne­ri­sche Spit­zen­in­stru­men­ta­lis­ten des Lan­des. So betei­lig­ten sich bei der jet­zi­gen Reak­ti­vie­rung die alten Mit­strei­ter Paul Schwarz (Pia­no), der Trom­pe­ter Her­bert Joos und der Schlag­zeu­ger Micha­el Kers­t­ing. Inte­griert wur­den in die zwölf­köp­fi­ge For­ma­ti­on zudem veri­ta­ble Solis­ten aus dem Aus­land, näm­lich die Voka­lis­tin Greet­je Bij­ma und die Blä­ser Michel Godard und John Sur­man. Mit „You Bet­ter Fly Away“ erfuhr ein alter Kon­rad-Klas­si­ker eine Neu­auf­la­ge.

 

 

Mit dem Eng­län­der, wel­cher wie Kon­rad das Bari­ton­sa­xo­phon und die Bass­kla­ri­net­te favo­ri­siert, hat­te der nun­mehr 70-Jäh­ri­ge bis­lang nie musi­ziert. Der sen­si­bel agie­ren­de Sur­man betei­lig­te sich noch – zusam­men mit dem Pia­nis­ten Alex­an­der Haw­kins – an der erneu­ten „Brit Jazz Night“, die in hohen Inten­si­täts­gra­den der Quar­tetts „Sons of Kemet“ um den Saxo­pho­nis­ten Shaba­ka Hut­chings ende­te.

Auch Bernd Kon­rad hat­te einen zwei­ten Fes­ti­val­auf­tritt: Der Vibraphonist/Pianist Karl Ber­ger, pro­mi­nent durch sei­ne Work­shops in der Künst­ler-Domä­ne Wood­stock, lud ihn in sein klangsen­si­bles und inter­ak­ti­ons­freu­di­ges „Impro­vi­ser Orches­tra“ ein.

Bei den sechs inter­na­tio­na­len Jazz­ta­gen im Stutt­gar­ter Thea­ter­haus auf dem Prag­sat­tel, wo einst ja Donald Trump einen Tower bau­en woll­te, fan­den mit­un­ter gleich vier Kon­zer­te zur glei­chen Zeit statt. So kann die­ser Bericht nicht jeden der vie­len Pro­gramm­tei­le berück­sich­ti­gen. Mit durch­schnitt­lich über ein­tau­send Besu­chern täg­lich zeig­ten sich die pro­fes­sio­nel­len Fes­ti­val-Akteu­re zufrie­den. „Der Jazz lebt“ froh­lock­te die Ess­lin­ger Zei­tung.

Nach ver­trau­ter Gewohn­heit wur­den vie­le Jazz­fa­cet­ten und eine brei­te Palet­te Welt­mu­si­ka­li­sches gebo­ten. Der ita­lie­ni­sche Trom­pe­ter Pao­lo Fre­su und der aus Niz­za kom­men­de Akkor­de­on­vir­tuo­se Richard Gal­lia­no hul­dig­ten medi­ter­ran ihrem „Mare Nostrum“ – und hat­ten als Drit­ten im Bun­de den schwe­di­schen Pia­nis­ten Jan Lundgren dabei.

Frank­reich geriet, mehr oder weni­ger zufäl­lig, zu einem Län­der­schwer­punkt die­ses Jazz­ma­ra­thons. Der in Paris gebo­re­ne Kon­tra­bas­sist Ren­aud Gar­cia-Fons, des­sen Vater ja Kata­la­ne war, zele­brier­te aus­ge­rech­net eine roman­tisch-feu­ri­ge „Spa­nish Night“ zusam­men mit dem ibe­ri­schen Tas­ten­künst­ler Dani­el Duran­tes. Durch super­schnel­le Scat-Voka­li­sen mach­te sich Camil­le Ber­tault bekannt. Eben­falls zu den gefei­er­ten New­co­mers der fran­zö­si­schen Sze­ne zäh­len der Akkor­deo­nist Vin­cent Pei­ra­ni und der Sopran­sa­xo­pho­nist Emi­le Pari­si­en. Die Bei­den koope­rier­ten nun­mehr ganz stim­mig mit dem agi­len Schwei­zer Vokal­akro­ba­ten Andre­as Schae­rer in gera­de­zu kam­mer­mu­si­ka­li­scher Atmo­sphä­re, mit­tel­al­ter­li­che Klän­ge inklu­si­ve.

Ein 14-sai­ti­ges (und abso­lut schlag­zeug­lo­ses) Trio bil­de­ten die zwei Fran­zo­sen Jean-Luc Pon­ty (Vio­li­ne) und Bire­li Lag­re­ne (Kor­pus­gi­tar­re) zusam­men mit dem ein­fühl­sa­men US-ame­ri­ka­ni­schen Bas­sis­ten Kyle East­wood, des­sen cine­as­ti­scher Vater Clint den Jazz und Trump irgend­wie unter einen Hut zu brin­gen ver­mag. Nun führ­ten die Sound-Wege (auch) zu Djan­go Rein­hardt, wobei Lag­re­ne, der als Teen­ager schon wie­sel­flink solier­te, zuwei­len brav rhyth­mus­gi­tar­ris­tisch das kon­ti­nu­ier­li­che Metrum mar­kier­te. In den – durch sub­ti­le Elek­tro­tech­nik gewürz­ten – Solo­im­pro­vi­sa­tio­nen von dem uni­ver­sel­len Jean-Luc Pon­ty und von der Natur­be­ga­bung Bire­li Lag­re­ne wur­de es so rich­tig fet­zig.

Der mitt­ler­wei­le in Stutt­gart ange­sie­del­te Trom­pe­ter Frédé­ric Rabold wur­de Ende 1944 in Paris gebo­ren und lei­tet im Länd­le seit einem hal­ben Jahr­hun­dert avan­cier­te Jazz­for­ma­tio­nen, zudem ver­dingt er sich im Dixie­land. Nun prä­sen­tier­te er vor einem ent­zück­ten Publi­kum zwei sei­ner „Crews“ – eine his­to­ri­sche und eine aktu­el­le. Als gefei­er­ter Gast­so­list stieß Instru­men­tal­kol­le­ge Man­fred Schoof hin­zu.

Nach Süd­afri­ka ent­führ­te der Bas­sist Sebas­ti­an Schus­ter mit sei­ner belieb­ten Com­bo „Seba Kaap­stad, und Eric Schae­fer fun­gier­te mal nicht als Drum­mer der Pia­no-Meis­ter Micha­el Woll­ny und Joa­chim Kühn, son­dern tat sei­ne Lie­be zu Japan kund. „Kyo­to, mon Amour“ nennt er sein Quar­tett, wel­ches durch die Koto-Zup­fe­rin Nao­ko Kiku­chi und den Kla­ri­net­tis­ten (!) Kazu­to­ki Ume­zo sei­ne fern­öst­li­che Klang­far­be erhält. Es muss ja nicht immer eine Shakuha­chi sein…

Wenn sich Pia­no und Vibra­phon ver­ei­nen, ver­mu­tet man zunächst Coo­les und Sof­tes. Nicht so bei dem bewähr­ten Tas­ten­mann Patrick Bebe­la­ar und dem aus Mos­kau ange­reis­ten Mal­let-Klöpp­ler Vla­di­mir Golouk­hov. In den aus­ge­klü­gel­ten Stü­cken ging es hand­fest zur Sache.

Begeg­nun­gen von renom­mier­ten Jazz­grö­ßen sind ja stets inter­es­sant und auf­schluss­reich. So taten sich in Stutt­gart der Frank­fur­ter Saxo­pho­nist Heinz Sau­er (85) mit dem nie­der­län­di­schen Key­boar­der Jas­per van’t Hof zusam­men. Das Brü­der­paar Juli­an und Roman Was­ser­fuhr har­mo­nier­te mit dem Ten­oris­ten Paul Hel­ler in tra­di­tio­nel­len Gefil­den – wie gleich zu Beginn beim „St. James Infir­ma­ry Blues“.

Der Ravens­bur­ger Gre­gor Hüb­ner fühlt sich mitt­ler­wei­le in New York daheim. Und in „Big Apple“ hat der Geiger/Pianist eigens für das Stutt­gar­ter Thea­ter­haus eine ein­zig­ar­ti­ge Band for­miert, in der gebo­re­ne Euro­pä­er mit Dis­zi­plin und Begeis­te­rung spie­len: „European New York Jazz Collec­tive“. In dem for­mi­da­blen Sep­tett wir­ken inter­na­tio­na­le Stars wie bei­spiels­wei­se der öster­rei­chi­sche Bas­sist Hans Gla­wi­sch­nig, der fran­zö­si­sche Miles-Davis-Per­kus­sio­nist Minu Cine­lu, der unga­ri­sche Schlag­wer­ker Ferenc Nemeth und der Sän­ger Theo Bleck­mann mit.

Gemäch­lich und mit gehö­ri­gem Cool-Kult absol­vier­te Lee Konitz sei­nen Auf­tritt. Als der stil­prä­gen­de Alt­sa­xo­pho­nist vor fünf Jah­ren in Stutt­gart die Ger­man Jazz Tro­phy ent­ge­gen­nahm, musi­zier­te er fit ohne eigen­ar­ti­ge Mätz­chen. Jetzt, mit 90, geht dem alten Herrn zuneh­mend die Pus­te aus und er ver­legt sich, wie so manch ande­re Blä­ser-Stars zuvor, aufs weni­ger kräf­te­zeh­ren­de Sin­gen. Als neu­en Pia­nis­ten hat­te Konitz den auf­merk­sa­men Flo­ri­an Weber dabei, Jere­my Strat­ton stand treu wie­der am Bass, Geor­ge Schul­ler saß gedul­dig am Schlag­zeug.

Auf­re­gen­der war da schon die Squee­ze Band des hel­ve­ti­schen Per­kus­sio­nis­ten Reto Weber (65). Chi­co Free­man sorg­te auf dem Tenor für die adäqua­te Jazz-Basis, der Ita­lie­ner Nino G. fas­zi­nier­te mit sei­nen ver­blüf­fen­den Beat­box-Aktio­nen, beträcht­li­che Wen­dig­keit und enor­men Ein­falls­reich­tum erwies der Bass­gi­tar­rist Michel Ali­bo (Mar­ti­ni­que).

Außer­dem: Das ein­hei­mi­sche Kart­mann-Kol­lek­tiv, der sin­gen­de Enter­tai­ner Roland Baisch („Count Bai­schy Orches­ter“), die Nils Land­gren Funk Unit, der arme­ni­sche Pia­nist Tigran Ham­syan, der Nürn­ber­ger Drum­mer Sebas­ti­an Haff­ner mit Sex­tett und für die gan­ze Fami­lie „Das Dschun­gel­buch“.

Der Saxo­pho­nist Magnus Mehl und sein schlag­wer­ken­der Bru­der Ferenc wer­den im Thea­ter­haus wegen ihrer gen­re­über­grei­fen­den Events geschätzt. Nun also das durch Dis­ney welt­be­rühm­te Mär­chen – als weni­ger die Augen beschäf­ti­gen­des Gesamt­kunst­werk mit diver­sen Spre­cher­rol­len und mit neu kre­ierter Musik, klang­ma­le­risch, blue­sig, rockig und auch Tech­no. Der Süd­west­rund­funk hat die­ses „Hör­spiel für Kids“ mit­ge­schnit­ten und strahlt es über SWR2 am Don­ners­tag, 10. Mai 2018, um 14.05 Uhr radio­phon aus.

 

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Text und Foto­gra­fie von Hans KumpfKumpfs Kolum­nen

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