25. Internationale Theaterhaus Jazztage


Fotografien & Text: Hans Kumpf 

Ein seit Wochen ausverkauftes Konzert – das gab es nicht immer während des letzten Vierteljahrhunderts, in dem das Stuttgarter Theaterhaus sein österliches Jazzfestival abhielt. Mal wurde die Festivität minimalisiert und kleinräumlich in mitternächtliche Stunden verbannt, mal fiel es – wegen Finanzierungsschwierigkeiten – ganz aus.

Als am 1. April 1991 noch im ursprünglichen Domizil im südlichen Ortsteil Wangen das auf den Tag exakt 40 Jahre zuvor von Erwin Lehn (1919-2010) vertraglich besiegelte Radio-Jazzorchester sein inzwischen stolz erreichtes Schwabenalter bejubelte, hielt sich der Publikumsandrang sehr in Grenzen. Jetzt, zum 60. Geburtstag der nunmehrigen SWR Big Band, als deren Geschäftsführer die beiden Trompeter Rudi Reindl und Karl Farrent fungieren, war sogar noch das von dem Posaunisten und Vokalisten Chris Dean dirigierte Syd Lawrence Orchestra aus England angereist. Gemeinsam feierten da vor Rundfunk-Mikrofonen und TV-Kameras insgesamt 42 Musiker als „The World’s Biggest Big Band“ ein grandioses Fest. Ein punktgenaues Zusammenspiel, eine rasante Show mit herrlichen Stereo-Effekten. 

Mittlerweile haben sich die Stuttgarter Radiojazzer auf den guten alten Swing spezialisiert. Von Lehn ist noch die spezielle Klangkultur geblieben, allerdings vermag die Band auch richtig explodieren. Interpretiert wurden jetzt Arrangements u.a. von Sammy Nestico, Bob Florence, Peter Herbolzheimer und Billy May Jr. Als Instrumentalsolisten bewährten sich besonders der Trompeter/Flügelhornist Karl Farrent, der Baritonsaxophonist/Klarinettist Pierre Paquette sowie der Drummer Guido Jöris. Einen optischen und gesanglichen Farbtupfer brachte bei einem Medley von James-Bond-Titelmelodien die Ehefrau von dem alles beherrschenden Chris Dean, Angie Mills, ein.

Gerade halb so alt wie die SWR Big Band ist das Jugendjazzorchester Baden-Württemberg. Stilistisch agiert die personell etwa alle zwei Jahre wechselnde Gruppierung moderner als das große Vorbild aus der Landeshauptstadt. Geleitet wird die „Landjugend“ fast von Anbeginn an von Professor Bernd Konrad, dem wie der Managerin Marie-Luise Dürr von Hermann Wilske, geschäftsführender Vizepräsident des Landesmusikrats, für das drei Jahrzehnte andauernde Engagement ausdrücklich gedankt wurde. Gelegentliche Ungenauigkeiten bei den Einsätzen waren verzeihlich, aber alsbald wird der Elite-Klangkörper sein gewohnt hohes Niveau erreichen und diverse Solisten ihre nationale Karriere starten wie es bei vielen Vorgängern schon der Fall war. 

Die „Stuttgarter Nachrichten“ bescheinigten dem Landesjugendjazzorchester „eine auch in der aktuellen Besetzung erstaunliche Energie und Dichte“. Zum triumphalen Finale ein fetziger Blues, bei dem dann mehr oder weniger spontan ehemalige Bandmitglieder und Dozenten improvisierend einstiegen – beispielsweise die Pianisten Hubert Nuss, Martin Johnson und Olivia Trummer, die Trompeter Frédéric Rabold und Achim Rothe sowie die Saxophonisten Magnus Mehl, Andi Maile und Christoph Müller. Auch bei den Performances anderer Gruppierungen überraschten willkommene „Quereinsteiger“ bei Sessions. 

So die Fellbacher Altsaxophonistin Kati Brien, die mit ihrer Berliner „Dream Band“ gar antike Schreibmaschine, Megaphon und ein aus Plastik-Installationsrohren gefertigtes Didgeridoo erschallen ließ, bei ihrem kurzzeitigen Gastspiel im Frauen-Quartett der Sängerin Barbara Bürkle. Vorprogrammiert war die Einlage des aus Vietnam stammenden Gitarristen Nguyên Lê beim Konzert der expressiven Baritonsaxophonistin Céline Bonacina aus seiner französischen Wahlheimat. Wie Nguyên Lê gehören auch etliche weitere auf dem Festival präsentierte Musiker sozusagen zur Stammmannschaft des Theaterhauses. Da ist der Holländer Jasper van’t Hof zu nennen: Vor zwanzig Jahren lieferte er sich ein Piano-Duo mit dem Stuttgarter Lokalmatador, jetzt trat er zusammen mit dem aufstrebenden Finnen Iiro Rantala an zwei Flügeln an. Reizvolle Synthesizer-Klänge zauberte Jasper van’t Hof im Trio mit seiner nach wie vor fulminanten Landsfrau Greetje Bijma und dem jetzt ebenfalls auf Klangflächen bedachten Perkussionisten Hans Fickelscher aus Fellbach.

Mit amerikanischen Superstars vermochten die Internationalen Theaterhaus Jazztage heuer nicht aufzuwarten. Früher glänzten solche Namen wie Dave Brubeck, Elvin Jones, Pharoah Sanders, McCoy Tyner, Cassandra Wilson, Dee Dee Bridgewater und Herbie Hancock. Dass nun übermäßig viele Jazzer aus dem Musterländle aufspielen durften, hatte seine Ursachen (auch) in monetären Problemen. 

Freilich ging es im Quintett der aktuellen Landesjazzpreisträgerin Anne Czichowsky trotz furioser Scat-Vokalisen relativ konventionell her, auch die „Baden-Württemberg All Stars“ mit dem Trompeter Thomas Siffling und dem Tenoristen Andi Maile in der „front line“ fühlten sich der Tradition verbunden. In beiden Formationen stand Axel Kühn, baden-württembergischer Landesjazzpreisträger von 2009, am Kontrabass. 

Pianistin Olivia Trummer erinnerte mit ihrem „Metropolitan Quintett“ sowohl an ihre New York-Erfahrungen als auch an Kabarett-Chansons. Der nun wie Miles Davis oft sein Horn dämpfende Trompeter Herbert Joos und der versierte Klavierkünstler Patrick Bebelaar hatten nun als Bassisten den kraftvoll zupfenden Amerikaner Joe Fonda dabei. Trompeter Sebastian Studnitzky, der seine Karriere auch im Jugendjazzorchester startete, ließ sich mal wieder auf Funk & Fusion-Jazz ein. Nicht langweilig wurde es erwartungsgemäß zudem bei dem Ulmer Trompeter Joo Kraus und dem „Tales in Tones Trio“.

Weniger Jazz-Bezüge vermeldeten drei alpenländische Gruppierungen, nämlich das wie stets auswendig aufspielende Radio String Quartet Vienna, das Trio des österreichischen Akkordeonisten Klaus Paier und das Quartett des Schweizer Vokalisten Christian Zehnder. Insgesamt jedoch eine wirklich eigenwillige Musik abseits der Normen.

Aufmüpfiger Free Jazz – dies ist mittlerweile die Musik der Rentnergeneration. Der vormals als Schönklangszertrümmerer gescholtene Wuppertaler Saxophonist Peter Brötzmann spielte sich zum 70. Geburtstag ein Ständchen mit seinem „Chicago Tentet“. Kollektivimprovisationen von berstender Intensität wie ehedem, aber auch balladenhafte Stimmungen und Zentraltönigkeit. Kooperationspartner waren u.a. Posaunist Johannes Bauer und die Saxophonisten Ken Vandermark, Mats Gustafsson und Joe McPhee (plus Taschentrompete). Aufregend ist nach wie vor das theatralische Schlagzeugspiel des emeritierten Dresdner Musikprofessors Günter Baby Sommer. Er trat mit seinen altgedienten Kollegen Manfred Schoof (Trompete), Gianluigi Trovesi (Klarinetten, Saxophone) und Barre Phillips (Kontrabass) im Quartett an, ein insgesamt doch gezügelter Avantgarde-Jazz.

1985 war das allererste Osterfestival des Stuttgarter Theaterhauses dem 10-jährigen Bestehen vom „United Rock + Jazz Ensemble“ gewidmet. Aus der Taufe gehoben wurde die „Band der Bandleader“ 1975 vom damaligen Fernsehregisseur und jetzigen Theaterhausmacher Werner Schretzmeier für die Sonntags-TV-Reihe „Elf ½“. Spiritus Rector war Wolfgang Dauner. Verstorben sind mittlerweile seine geschätzten Kollegen Volker Kriegel, Albert Mangelsdorff, Ian Carr und Charlie Mariano. 

Nun präsentierte der 75-jährige Pianist das „United Jazz – Rock Ensemble – The 2nd Generation“. Dauner-Filius Florian, der ansonsten bei den „Fantastischen Vier“ trommelt, ist jetzt mit von der Partie, und als Gast wurde das Urgestein Ack van Rooyen (81) an Trompete und Flügelhorn hinzugezogen. Der Holländer blies also bereits 1975 im TV, 1985 bei der Premiere der Theaterhausjazztage und vor 20 Jahren als Solist des Lehn-Orchesters beherzt ins Horn und hat von seiner Schaffenskraft nichts verloren. Bei Presse und Publikum wurde die Neuauflage von alten Arrangements des United-Projekts jeweils unterschiedlich aufgenommen.

Den Schlusspunkt setzte beim Jubiläumsfestival der britische und derzeit in Kopenhagen lehrende Pianist Django Bates. Auch der stilübergreifende Tastenvirtuose hatte sich bereits 1991 bei den Stuttgarter Jazztagen beteiligt – so wie auch Peter Brötzmann, der damals eben seinen 50. Geburtstag inbrünstig abfeierte. 3500 Besucher vermeldete Werner Schretzmeier letztendlich – ein Ansporn, trotz aller Widrigkeiten weiterzumachen.
Einen liebevollen Rückblick auf 25 Jahre Jazz im Stuttgarter Theaterhaus gewährte die Fotoausstellung von Jörg Becker.