12. Internationales JazzArtFestival in Schwäbisch Hall

Gegensätzlichkeiten harmonisch vereint

Wie­der ein­mal haben in Schwä­bisch Hall der ört­li­che Jazz­club, das Goe­the-Insti­tut, der Kon­zert­kreis Tri­an­gel sowie das von Ute-Chris­ti­ne Ber­ger gelei­te­te Kul­tur­bü­ro der Salz­sie­der- und Bau­spar­kas­sen-Stadt in der Vor­os­ter­zeit fünf jaz­zi­ge Tage mit ins­ge­samt neun Kon­zer­ten kre­iert, ein inter­es­san­tes „Plus“-Programm weni­ge Wochen zuvor und danach inklu­si­ve. Qua­li­ta­ti­ve Flops waren nicht zu kon­sta­tie­ren, und die auf­nah­me­be­rei­ten Zuhö­rer (nach offi­zi­el­ler Sta­tis­tik genau 1650 an der Zahl) fei­er­ten fre­ne­tisch Ohren­ge­fäl­li­ges als auch Neu­tö­ne­ri­sches glei­cher­ma­ßen. Die Kon­zer­te fan­den – mit einer Aus­nah­me – alle­samt in der pro­fa­ni­sier­ten Hos­pi­tal­kir­che statt.

JazzArt Festival 2018 - Foto Kumpf

Tra­di­ti­ons­ge­mäß star­te­te auch die 12. Aus­ga­be vom Jaz­zArt­Fes­ti­val mit einem jung­ge­blie­be­nen Alten. Heu­er war dies der Pia­nist Joa­chim Kühn (Jahr­gang 1944), der mit einer Genera­ti­on jün­ge­ren Side­men kon­zer­tier­te, näm­lich mit dem kana­di­sche Bas­sis­ten Chris Jen­nings und dem Schlag­wer­ker Eric Schae­fer. Eine trotz schein­ba­rer Wider­sprü­che sehr stim­mi­ge Musik – von nai­ver Tona­li­tät bis zu for­schen Free-Jazz-Aus­brü­chen. Der bes­tens gelaun­te und eigens aus Ibi­za ein­ge­flo­ge­ne Kühn erwies sich wie­der ein­mal als visio­nä­rer Fusio­när quer­beet durch Sti­le und Gen­res.

Weni­ger kom­plex als Kühn und weni­ger poly­phon fili­gran als sein berühm­ter Bru­der Keith ging der nun in der Süd­pfalz woh­nen­de Tas­ten­künst­ler Chris Jar­rett zu Wer­ke. Mit viel Wucht ertön­te da wie­der­holt Marsch­mä­ßi­ges, wie bei manch ande­ren Acts wur­de aber auch der phry­gi­schen Ton­ska­la (Fla­men­co!) gefrönt und ele­gisch-roman­tisch fan­ta­siert. Dem vor­wit­zi­gen Per­kus­sio­nis­ten Erwin Dietz­ner war es zu ver­dan­ken, dass immer wie­der Unvor­her­ge­se­he­nes und Uner­hör­tes auf­tauch­ten, obgleich sei­ne quie­ken­den Plas­tik­schwein­derl dies­mal nicht zum Ein­satz kamen.

JazzArt Festival 2018 - Foto Kumpf

Vari­an­ten­reich agier­te das Quar­tett der 1986 im nord­rhein-west­fä­li­schen Werl gebo­re­nen Schlag­zeu­ge­rin Eva Kles­se. Von ver­träum­tem Cool Jazz bis zum der­ben Free Jazz reich­te die Aus­drucks­ska­la, fei­ne Klang­ma­le­rei­en als auch geräusch­haf­tes Getö­se fan­den (wie beim Trio von Joa­chim Kühn) eine har­mo­ni­sche Ein­heit – und in die­ser Art von unbe­küm­mer­ter Fusi­on-Musik waren auch mal har­te Rock-Rhyth­men erlaubt.

Von ihrert CD „Oben­land“ spiel­te die Grup­pe in der Hal­ler Hos­pi­tal­kir­che das auf­re­gen­de Stück „Kla­bau­ter­mann“ – ein wah­rer Hör­kri­mi fürs Kopf­ki­no, eine Geis­ter­stun­de mit etli­chen Hor­ror­ef­fek­ten. Reiz­vol­le Sounds schu­fen da zu Beginn der Pia­nist Phil­ip Frisch­korn (indem er im Sai­ten-Inne­ren des Stein­ways han­tier­te), Ste­fan Schönegg mit zir­pen­den Fla­geo­letts auf dem gestri­che­nen Kon­tra­bass, Alt­sa­xo­pho­nist Evge­ny Ring mit quiet­schen­den Ober­tö­nen und Eva Kles­se durch inten­si­ves Rei­ben auf den Trom­mel­fel­len. Ins­ge­samt eine höchst dra­ma­ti­sche Pro­gramm­mu­sik mit hef­ti­gen Klang­at­ta­cken, melo­diö­sem Kata­stro­phen­ge­met­zel – und fried­lich ruhi­ger Stim­mung zum Fina­le.

Eva Kles­se erweist sich nicht nur als eine ein­falls­rei­che Kom­po­nis­tin, son­dern auch als höchst ver­sier­te Instru­men­ta­lis­tin. Welt­weit führt die Rie­ge von den immer noch weni­gen Schlag­zeu­ge­rin­nen die – inzwi­schen mit dem Gitar­ris­ten Car­los San­ta­na ver­hei­ra­te­te – Cin­dy Black­man an, in Deutsch­land stach als ers­te bedeu­ten­de Frau an der soge­nann­ten Schieß­bu­de Caro­la Grey her­vor. Nun also Eva Kles­se: Pau­sen und leicht ver­zö­ger­te Akzen­te sind ihr wich­tig. Die enor­me Span­nung ist bei der Vir­tuo­sin auch visu­ell erleb­bar.

JazzArt Festival 2018 - Foto Kumpf

Der aus Russ­land stam­men­de Saxo­pho­nist Evge­ny Ring, seit sei­ner Stu­di­en­zeit in Deutsch­land woh­nend, hat nicht nur ganz cool den süß­li­chen Schön­tö­ner Paul Des­mond drauf, son­dern kann mit sei­nem Alt auch mul­ti­s­ti­lis­tisch zupa­cken. Tas­ten­mann Phil­ip Frisch­korn ver­hehlt sei­ne klas­si­sche Aus­bil­dung nicht und bewerk­stel­ligt häu­fig mit­tels rech­ten Pedals sub­ti­le „Nach­hall­tig­keit“ samt fei­nen Schwe­be­klän­gen. Am Kon­tra­bass stand als Ersatz­mann der in Kon­stanz auf­ge­wach­se­ne Ste­fan Schönegg. Respek­ta­bel schnell hat sich Schönegg in das aus­ge­tüf­tel­te Kon­zept des Quar­tetts der Dame an den Drums ein­ge­ar­bei­tet.

Das Quin­tett „Seba Kaap­stad“ des letzt­jäh­ri­gen baden-würt­tem­ber­gi­schen Jazz­preis­trä­gers Sebas­ti­an Schus­ter (Kon­tra­bass) leg­te bei sei­ner Früh­jahrs­tour auch in Schwä­bisch Hall Sta­ti­on ein und lie­fer­te äußerst pro­fes­sio­nell eine ful­mi­nan­te (Vokal-)Musik mit Quel­len in Süd­afri­ka und den USA ab.

JazzArt Festival 2018 - Foto Kumpf

2016 kon­zer­tier­ten die Voka­lis­tin Vero­ni­ka Harc­sa und der Gitar­rist Bál­int Gyé­mánt erst­mals beim Hal­ler Jazz-Art-Fes­ti­val, und dies mit posi­tivs­ter Reso­nanz. Die nun 35-jäh­ri­ge Unga­rin ver­fügt über eine über­aus ange­neh­me Sopran­stim­me, die dem Scat­ten nicht abhold ist, und geht intel­lek­tu­ell und emo­tio­nal voll in ihrer Musik auf. Mit reiz­vol­len elek­tro­tech­ni­schen Tricks (nach der Devi­se „mit gegen sich selbst“) ver­edelt Bál­int Gyé­mánt sein Akus­tik-Kor­pus-Instru­ment.

Beim Quar­tett des nor­we­gi­schen Trom­pe­ters Nils Pet­ter Mol­va­er hieß es erwar­tungs­ge­mäß Elek­tro­nik über alles, von Stock­hau­sen bis Tech­no, und die Skan­di­na­vi­er lenk­ten sich vom eigent­li­chen Musi­zie­ren sel­ber ab, als sie fort­wäh­rend mit den Bli­cken nach unten an den man­nig­fal­ti­gen Reg­lern dreh­ten. Die Trom­pe­te von Mol­va­er war mit einem draht­lo­sen Mikro­fon ver­se­hen, in das der Blä­ser zuwei­len auch hin­ein­sang und einen Ein-Mann-Chor her­bei­zau­ber­te. Beson­ders der Band­lea­der war mehr mit der auf­wen­di­gen Gerä­te­tech­nik beschäf­tigt, auf eigent­li­che instru­men­ta­le Vir­tuo­si­tät ver­zich­te­te er.

Einen Kon­trast zu den wei­ten Fjor­dklang­land­schaf­ten bil­de­ten die per­ma­nen­ten glis­san­die­ren­den Bot­t­le-Neck-Coun­try-Sounds, von Geir Sund­s­tøl pro­du­ziert mit einer tisch­ar­ti­gen Steel-Gui­tar. Der Bass­gi­tar­rist Jo Ber­ger Myh­re trak­tier­te sein Instru­ment aus­gie­big mit einem klas­si­schen Bogen, und Drum­mer Erland Dah­len brach­te glän­zen­de Sil­ber­glo­cken zum Klin­gen. Zum Schluss des Abends har­ter Rock und als Zuga­be ein ein­lul­len­der Schmu­se­song.

Sehr freund­lich und gar nicht aggres­siv agier­te das nie­der­län­disch-deut­sche Tor­que-Trio mit Koen Schalk­wi­jk (Pia­no), Mathi­as Pol­lig­keit (Bass­gi­tarr­re, auch mit Cel­lo­bo­gen gestri­chen) und Antoi­ne Dui­jkens (Schlag­zeug).

Nach der mit­tel­al­ter­lich-kam­mer­mu­si­ka­li­schen Duo-Mati­nee in der aus­ver­kauf­ten Kunst­hal­le Würth (mit dem fran­zö­si­schen Akkor­deo­nis­ten Jean-Lou­is Mati­nier und dem Ita­lie­ner Mar­co Ambro­si­ni auf der his­to­ri­schen Nyckel­har­pa ali­as Tas­ten­gei­ge) ver­lief am Sonn­tag auch das Abend­kon­zert in der ange­stamm­ten Hos­pi­tal­kir­che abso­lut „unplug­ged“, also wirk­lich total steck­do­sen­frei.

JazzArt Festival 2018 - Foto Kumpf

Der 1984 in Osa­ka gebo­re­ne Schlag­zeu­ger Shinya Fuku­mo­ri ließ sich ganz bewusst am Ort sei­ner heiß­ge­lieb­ten Plat­ten­fir­ma ECM nie­der, näm­lich in Mün­chen. Und Pro­du­zent Man­fred Eicher nahm inzwi­schen mit einer inter­na­tio­na­len For­ma­ti­on des ehr­gei­zi­gen Japa­ners tat­säch­lich eine CD auf: „For 2 Akis“. Da erklin­gen nun sanf­te Lie­der aus sei­ner alten Hei­mat, volks­tüm­lich oder von Zeit­ge­nos­sen kom­po­niert. Frei­lich, auf das welt­be­rühm­te Kirsch­blü­ten­lied „Saku­ra“ ver­zich­tet Fuku­mo­ri, und sei­ne Musik kommt kei­nes­wegs plump folk­lo­ris­tisch daher. Sub­ti­le Nuan­cen domi­nie­ren sein künst­le­ri­sches Tun, und sogar bei einem unbe­glei­te­ten Schlag­zeug­so­lo ent­wi­ckel­te er kei­ne ohren­be­täu­ben­den Super­la­ti­ve. Ganz im Gegen­teil: Über­aus fein­ner­vig und im Pia­nis­si­mo sowie mit viel Gefühl für Raum und Zeit behan­del­te der Meis­ter aus Fern­ost sein kon­ven­tio­nell bestück­tes Jazz-Drum­set. Die besorg­ten Hal­ler Denk­mal­schüt­zer brauch­ten dies­mal kei­ne Angst haben, dass in dem baro­cken Bau die male­ri­schen Fres­ken vor lau­ter Krach von der himm­li­schen Decke fal­len…

Auf einen „Time­kee­per“ am Bass ver­zich­tet der Schlag­zeu­ger, um – einem star­ren Metrum aus­wei­chend – aus­gie­big ago­gisch und ruba­to agie­ren zu kön­nen. Sei­ne bei­den Mit­strei­ter füh­ren eige­ne Bands an: Pia­nist Wal­ter Lang, der bereits 2012 beim Hal­ler Fes­ti­val mit dem „Trio ELF“ spiel­te, und Saxo­pho­nist Mat­t­hieu Bor­de­na­ve. Der Fran­zo­se pflegt auf dem Tenor zumeist klas­sisch-keusch die Ästhe­tik eines eines Alt­sax, wie dies bei­spiels­wei­se auch der Pole Maciej Oba­ra prak­ti­ziert. Aber spo­ra­disch so rich­tig röh­ren und blö­ken ver­mag Bor­de­na­ve zudem.

An die tra­di­tio­nel­le japa­ni­sche Koto-Zither erin­nert der varia­ble Kla­vier­tas­ten­mann Lang bei der Kom­po­si­ti­on „Hoshi Megu­ri No Uta“ („The Star-Cir­cling Song“) des mys­ti­schen Uni­ver­sal­ge­nies Ken­ji Miya­za­wa (1896–1933). Allent­hal­ben japa­ni­sche Pen­ta­to­nik, repe­tie­ren­der gleich­blei­ben­der Orgel­ton des Flü­gels; das Tenor­sa­xo­phon dezent und deli­kat mit absicht­lich nicht wohl­tem­pe­rier­ten kur­zen Phra­sen, behut­sa­me Besen­ar­beit am Schlag­zeug. Das Trio inter­pre­tiert nicht nur, es gestal­tet krea­tiv.

Bei dem Stück „The Light Sui­te“ hör­te Shinya Fuku­mo­ri aus­gie­big den nach­schwin­gen­den Ober­tö­nen sei­ner mit Filz­schlä­geln trak­tier­ten Trom­meln nach, bevor Wal­ter Lang in der Hos­pi­tal­kir­che auf dem Stein­way cho­ral­haf­te Melo­di­en anstimm­te und roman­ti­sche Gefühl­haf­tig­keit als auch alt­jaz­zi­ge „blue notes“ ein­brach­te. Bor­de­na­ve lamen­tier­te zunächst lei­se auf sei­nem sil­ber­far­be­nen Instru­ment und streu­te als­dann abs­trak­te Bebop-Lini­en ein. Nach dem kon­tem­pla­ti­ven Beginn dann doch ziem­lich phon­star­kes Feu­er.

Gegen­sät­ze sind Trumpf und erzie­len Abwechs­lung für den Rezi­pi­en­ten. Das fol­gen­de Lied „Ai San San“ beinhal­te­te in der Fuku­m­uri-Ver­si­on mul­ti­kul­tu­rell sowohl Impres­sio­nis­ti­sches im Sin­ne Clau­de Debus­sys als auch fei­er­li­che Hym­nen und kla­re Akkord­fort­schrei­tun­gen.

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Text und Foto­gra­fie von Hans KumpfKumpfs Kolum­nen

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