Zum Auftakt der Jazzopen 2014 gab es Crossover im Beethovensaal

Lima / Marshall - Foto Kumpf
Text und Photos auf dieser Seite: Hans Kumpf 

 Die konzertante Dreieinigkeit des Südwestrundfunks

Während das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg aus finanziellen Gründen um sein autarkes Fortbestehen bangt, fährt der Südwestrundfunk in Stuttgart groß auf. Das Radiosinfonieorchester, das Vokalensemble und die Big Band des Senders kooperierten zum Auftakt der diesjährigen Jazzopen erstmalig miteinander. Ein abendfüllendes Crossover namens „SWR Classix goes Jazz“ im Beethovensaal der Liederhalle. Als durchaus sachkundiger Conférencier wurde dazu der Show-Star Götz Alsmann verpflichtet.  

Der aus Schwäbisch Hall stammende Libor Sima, welcher in den Anfangszeiten vom Landesjugendjazzorchester Baden-Württemberg ein explosives Tenorsaxophon blies, wechselte alsbald die stilistische Seite und überzeugt nun jahrelang als notengenauer Fagott-Profi im Stuttgarter Radiosinfonieorchester (RSO). „I am the Drum“ nennt er sein von einer afrikanischen Gebetsformel inspiriertes Gesamtkunstwerk für die drei Radio-Ensembles. Den Chor lässt er dabei zunächst im Sprechgesang agieren, setzt zwischen den beiden Instrumentalgruppierungen gekonnt raumgreifende Effekte und findet letztendlich zu einer unaufgeregten Homogenität. Xylophone vermitteln einen markanten Sound des Schwarzen Kontinents, und Klaus Graf darf auf seinem Altsaxophon ausgiebig zugespitzt mit Staccati improvisieren, indes die Streicher fern jeglicher Plüsch-Romantik für die harmonische Grundierung sorgen. Wiederholt scheint jedoch – mit hohen Flötentönen und viel Perkussionsaufwand – Leonard Bernsteins „West Side Story“ durchzuschimmern.

Auch die Werke der anderen deutschen Komponisten überzeugten durch eine unaufgeregte Verbindung der Genres. Kontroversen wie einst beim „Third Stream“ waren hier nicht zu konstatieren: Kooperation anstatt Vergewaltigung. Der Geiger und Pianist Gregor Hübner als auch der Saxophonist und Klarinettist Steffen Schorn schrieben Stücke für Big Band samt Sinfonieorchester. Hübner setzt bei seiner Programmmusik „Clockwork interrupted“ sowohl scharfe Tutti-Stöße als auch eine liebliche Oboe ein und macht mit den beiden Klangkörpern gemeinsame Sache.

Schorn entwirft bei seinen „Three Pictures“ hingegen ein vielfarbiges Stimmungsgemälde in Triptychon-Manier. Romantisch-impressionistische Anwandlungen finden hier einen Widerpart in der quengelnden E-Gitarre, und Wayne Marshall darf die klassischen Sinfoniker auch mal improvisatorisch dirigieren. Man erinnere sich an „Handworks“ von Bernd Konrad, in dessen baden-württembergischen Jugendjazzorchester einst auch Steffen Schorn spielte. Als jazzender Solist konnte hier einmal mehr Karl Farrent auf dem Flügelhorn glänzen.

Eine heikle Sache ist es, wenn eine Big Band mit einem konventionellen Chor kombiniert werden soll. Dass das SWR-Vokalensemble Stuttgart seine unorthodoxen Fähigkeiten hat, beweist es alljährlich bei den Donaueschinger Musiktagen für Zeitgenössische Tonkunst. Pianist Ralf Schmid nun animierte die versierten Sängerinnen und Sänger zu Rap und Gospel-Hymnen. Eigenwillig und eigenständig arrangierte er zwei Sätze aus der Schauspielmusik „Peer Gynt“ von Edvard Grieg. Kein Experiment, sondern eine geschlossenes Werk.

Bei den historischen Mai-Matineen des Südfunks im Großen Sendesaal der Villa Berg war es liebe Gewohnheit, dass für die Big Band von Erwin Lehn ganz spezielle Kompositionsaufträge vergeben wurden: Vorrangig schwäbische Volkslieder sollten swingend variiert werden. Diese Tradition erfuhr nun eine Art Fortsetzung beim Gala-Konzert des Südwestrundfunks in der Liederhalle, Der norwegische Posaunist Helge Sund bearbeitete die deutschen Weisen von der „Loreley“, „Auf einem Baum ein Kuckuck saß“ und „Wenn ich ein Vöglein wär“. Eine schwierige musikalische und interpretatorische Kost fürwahr. Schrille Stimmen (man wähnte sich schon bei Wagner in Bayreuth) und angestrengt auf die Notenblätter fixierte Jazzer. Geruhsam dagegen die ebenfalls von Morten Schuldt-Jensen dirigierte Zugabe „Schlaf, Kindlein, schlaf“.

Da gereichte das inmitten der Roaring Twenties von George Gershwin tongesetzte „Concerto in F“ fast zur reinen Rekonvaleszenz der Gehörnerven. Wayne Marshall, der auch als hervorragender Kirchenorgelspieler bekannt ist, setzte sich an den Flügel und entlockte diesem mitunter zarte Klänge wie von einer Celesta und stand immer wieder auf, um dem akkurat begleitenden Orchester die präzisen Einsätze zu erteilen und die komplexen Rhythmen vorzugeben. Besonders herzlicher Applaus hierfür.

Ein Oldie, von Bob Florence aktuell arrangiert, präsentierte auch die SWR Big Band, nämlich den Duke-Ellington-Hit „Take the A-Trane“. Ein munterer Jazz, der wirklich abfährt.  

Hans Kumpf

Info: Das SWR-Fernsehen sendet seinen Mitschnitt am Sonntag, 5. Oktober 2014, um 8.45 Uhr. Die Übertragung im Radioprogramm SWR2 steht noch nicht fest.