Zum 100. Geburtstag von Benny Waters (23.1.1902 – 11.8.1998)

Nur vier Jahre nach dem Nachruf ein Artikel zum 100. Geburtstag: Benny Waters, geboren am 23. Januar 1902 und gestorben am 11. August 1998, personifizierte wie wenige andere Künstler die jahrzehntelange Jazzentwicklung in den USA und auch in Europa. Als in den „Roaring Twenties“ die afro-amerikanische Musik der swingenden Art in New York ihren Durchbruch schaffte, war auch Benny Waters dabei.

Im Mai 1997 hielt sich Benny Waters, der seinen ständigen Wohnsitz in New York hatte, in Weinsberg (Landkreis Heilbronn) auf. Von dort aus ging es zu Konzerten, die auch von etlichen TV-Sendern wahrgenommen wurden. Und da hatte man ausgiebig Gelegenheit, stundenlang mit dem geistig überaus regen Senior zu sprechen.

Noch zu seinen Lebzeiten konnte Benny Waters einige Unwahrheiten, die über ihn kursierten, zurecht rücken. Bereits als Dreijähriger, also im Jahre 1905, habe er im Bundesstaat Maryland angefangen, Klavier und Orgel zu lernen – und nicht erst als Sechsjähriger, wie er in einer Publikation falsch zitiert wurde. Der hochbetagte Waters lobte sich: „I was a prodigy – ich war ein Wunderkind!“. Im schulreifen Alter habe er dann zur Klarinette gegriffen, später seien die diversen Saxofone hinzugekommen.

Sehr verärgert reagierte Waters, wenn behauptet wurde, er hätte nur „a few months“ bei Fletcher Henderson gespielt. In dessen Big Band habe er den Platz des stilbildendenden Tenoristen Coleman Hawkins eingenommen und sei ganze drei Jahre geblieben. Außerdem stellte Waters klar, dass er keineswegs „afrikanische Wurzeln“ besitze – er sei amerikanischer Ureinwohner und stolz auf seine indianische Abstammung. „Ich hatte die dunkelste Haut, meine Geschwister waren heller!“, erläuterte Benny Waters. Sein Vater, welcher das gesegnete Alter von 98 Jahren erreichte, musste sich als Rothaut vom Stamme der Seneca wegen seines ungewöhnlichen Teints den Beinamen „Brownskin“ gefallen lassen.

Angefangen hatte Benny Waters nicht mit irgendeiner Frühform von „Jazz“, sondern mit Kirchenmusik – und europäischer Klassik. Brav spielte er als 25jähriger in einem Orchester von Noten und studierte später Theorie und vor allem Funktionsharmonik am New England Conservatory.

Waters selbst verdingte sich auch als Dozent und genoss den späteren Duke-Ellington-Baritonsaxophonisten Harry Carney als gelehrigen Schüler. Ihn selbst, so betonte Benny Waters wiederholt, haben besonders Johnny Hodges und Benny Carter beeinflusst. Mit dem inzwischen 94jährigen Carter saß er einst im Orchester von Charlie Johnson, und die Aufnahmen aus den 20er Jahren sind heutzutage auf etlichen CDs zu finden. Lediglich Studioaufnahmen tätigte Waters 1927 mit dem legendären Joe „King“ Oliver, bekanntlich musikalischer Ziehvater von Louis Armstrong. Mit Satchmo zusammen hatte Waters – entgegen anderer Behauptungen – doch nicht musiziert. Ein bisschen eifersüchtig war er auf den Erfolg des Trompeters aus New Orleans.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte und arbeitete Benny Waters vier Jahrzehnte in Europa. Paris diente ihm als Wahlheimat aus als Ausgangsort für Touren. Seine instrumentale Kunst auf Klarinette und Saxofonen war hier mehr gefragt als im Mutterland des Jazz, zudem konnte er sich auch als Komponist und Arrangeur beweisen. Freilich: Benny Waters war es nicht vergönnt, ein großer Star im Jazz zu werden und dann Bands unter eigenem Namen anzuführen. Am Schluss seiner Karriere erregte er Aufsehen zunächst als swingender Methusalem.

Benny Waters konnte die ganze Jazzgeschichte erleben und mitgestalten. So taugte er als kompetenter Zeuge des 20. Jazz-Jahrhunderts bei der nun auch von „Phoenix“ ausgestrahlten TV-Serie von Ken Burns. Die weise Rothaut blieb auch im hohen Alter stilistisch keineswegs dem Oldtime-Jazz verhaftet. Sein Credo: „Ohne Rhythmus gibt es keinen Jazz. Wenn man nicht mehr mitwippen kann, ist das kein Jazz mehr!“. Selbst bezeichnete sich Waters als Mainstream-Musiker. So war er sogar mit modischem HipHop zu hören – auf einer Maxi-CD gab er als Vokalist und Texter der Aufforderung „Let’s Talk About Jazz“ nach und erzählte mit frischer Stimme aus seinem Leben, bevor er bei einem postmodernistischen „Oh When The Saints Go Marchin‘ In“ mitmischte.

Waters wurde der „modernste Jazzinstrumentalist über 90“ genannt, danach durfte er getrost noch als der älteste Rapper bezeichnet werden. Aufgenommen wurde die Silberscheibe „Benny & Jan“ Ende 1996 in Stuttgart. Mitmusiker und Produzent dieses kuriosen Tonträgers war der Kontrabassist Jan Jankeje. Mit seiner Frau Gerti betreibt er in Weinsberg die Labels „Jazzpoint Records“ sowie „G&J Records“.

Geistig fit gab sich Benny Waters allemal, er plauderte nicht nur über die Historie, ihn interessierte auch Aktuelles. Selbst der Free Jazz gereichte ihm als Thema. Hochachtung hegte er vor den instrumentalen Leistungen von Ornette Coleman, Eric Dolphy und Anthony Braxton. Da vergaß man fast, dass Benny Waters fünf Jahre zuvor erblindet war und nicht nur deshalb recht wackelig auf den Beinen war.

Bei unserem ersten Treff in Weinsberg saß er am Nachmittag noch mit Schlafanzug und Morgenmantel da. Fotografieren könne ich ihn so nicht, machte er mir klar, ich möge doch die Fotos verwenden, die ich vor über einem Jahrzehnt aufgenommen hatte. Da sei er doch jünger gewesen und käme so bei den Frauen besser an…

Nicht zu stoppen war der Redefluss von Benny Waters – keine bloßen Monologe, der Blinde achtet stets darauf, dass die Gesprächspartner seinen Ausführungen aufmerksam folgten, und stellt gerne auch Gegenfragen. Fachsimpeleien über das Hervorzaubern von Mehrklängen auf Saxofon und Klarinette und über das Improvisieren in harmonisch schwierigen Balladen folgten. Er ermunterte mich, bei meinem nächsten Besuch doch meine Klarinette mitzubringen. Zu einer richtigen „Jam Session“ kam es leider dann doch nicht. Wenigstens war der alte Herr nach langem Zureden bereit, sich für einen ausgedehnten Fototermin auf der Terrasse in Schale zu werfen – will heißen: man musste dem Erblindeten mal wieder beim Anziehen helfen. Noch mehr Überzeugungskunst erforderte es, dass er sein Saxophon auspackte. Vor einem gewissen Altersstarrsinn war der 96-Jährige nicht gefeit.

Fünfzehn Monate nach diesen Begegnungen in Weinsberg durfte Benny Waters als aktiver Entertainer sterben – nicht als bloßes Museumsstück. Rauchschwaden vom Brand in einer Nachbarwohnung hatten ihm zugesetzt, kurze Zeit später starb er an einem Herzinfarkt einem Krankenhaus von Columbia in seinem Geburtsstaat Maryland. Bis zu einer akuten Erkrankung musizierte er noch eifrig: seinen 96. Geburtstag feierte er tagelang in einem New York Jazzclub – Saxofon blasend und singend. Danach absolvierte er noch Gastspiele in Clearwater Beach und Chicago. Geplant war für den Spätsommer 1998 eine weitere Europa-Tournee. Aber dann ist auch für ihn der himmlische Trauermarsch der Heiligen, „When the Saints go marchin’ in“, zu einer ganz eigenen Angelegenheit geworden…

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