Wenn Tropfen zu Tränen werden – Chopin, Mallorca und der Jazz

Wenn Tropfen zu Tränen werden

Noch keinen einzigen Gasthof gab es 1838 auf Mallorca, als Frederic Chopin am 7. November in Palma landete. Die Überfahrt von Barcelona, wohin der moderne Raddampfer zuvor Schweine, das damals wichtigste Exportgut der Insel, transportiert hatte, währte fast einen ganzen Tag. Nun hoffte der polnische Komponist auf Linderung seines Lungenleidens, außerdem konnte er seine Liaison mit der Schriftstellerin George Sand dem Pariser Großstadttratsch entziehen.

Drei Jahre zuvor, also 1835, war das Kartäuserkloster von Valldemossa säkularisiert worden. Der Staat schlug Kapital daraus, indem er einzelne Klosterzellen als Appartements an den solventen Mittelstand Palmas verhökerte. Von einem Spanier, der es eilig hatte, die Insel zu verlassen, kauften Chopin & Sand die in dem kirchlichen Gemäuer verbliebene Wohnungseinrichtung auf.

Die innenarchitektonischen Dimensionen der Klosterzellen sind kaum spartanisch zu nennen; nach einem breiten Vorraum gelangt man in zwei recht große und hohe Zimmer. In Zelle Nummer 4 haben einst Chopin & Co. überwintert, und dort befindet sich das von Frankreich nach Mallorca eingeschiffte (originale?) Pleyel-Piano, in dessen Tasten Chopin nur wenige Tage greifen konnte, da die bürokratische Prozedur des geldgierigen spanischen Zolls sehr nervtötend und zeitaufwendig war. An der Wand hängt eine polnische Fahne mit Königsadler, eine rote und weiße Nelke auf dem Instrument sind nicht zufällig mit den beiden Staatsfarben Polens identisch. Eine Büste des Meisters ist stets mit frischen Blumen umrankt: ein Mittelding zwischen heldenhaftem Lorbeerkranz und lebensfrohem Hawaii-Habitus. Dahinter, eingerahmt und überglast, sieht man simple Fotokopien der 24 Praeludien, die Chopin bei seinem Mallorca-Aufenthalt vollendete.

Eine Komposition Chopins ist unumstritten mit Mallorca verbunden, nämlich das „Regentropfen-Praeludium“. Hundertprozentig klar ist hierbei nicht, um welches Stück des 24sätzigen Werkes, das kreisend im Quintenzirkel alle zwölf Tonarten jeweils im Dur- und moll-Geschlecht aufgreift, es sich genau handelt. Die weitaus überwiegende Mehrheit der Chopin-Kenner plädiert für die Nummer 15.

George Sand berichtet in ihrer Autobiographie „Histoire de ma vie“ von einem Praeludium, welches Chopin „an einem scheußlichen Regenabend einfiel, und das einem das Herz schwer macht“. Alleingelassen in der Kartause hatte der Komponist geradezu psychopathisch Todesängste ausgestanden. George Sand erklärte ihrem Freund, man könne in dem Werk wirklich „Tropfen hören, die auf das Dach fielen“. Doch Frederic Chopin hielt es wie Beethoven mit seiner „Pastorale“, der 6. Sinfonie, welche der deutsche Tonschöpfer mehr als „Ausdruck der Empfindung als Malerei“ wissen wollte. Sand über Chopin: „Er wurde sogar ärgerlich, als ich von Tonmalerei sprach, und verwahrte sich heftig und mit Recht gegen solche einfältigen musikalischen Nachahmungen von akustischen Eindrücken.“

Das Des-Dur-Praeludium, die Nummer 15 aus Opus 28 also, beginnt auf der Tonika mit einem abwärts geführten Quartsextakkord (f-des-as), dem die Punktierung eine markant heitere Note verleiht. Von der lieblichen Melodie, die im weiteren Verlauf etliche Wiederholungen und Sequenzierungen erfährt und sich in Achtelketten auflöst, wird das Ohr zunächst in den Bann gezogen. Überhören mag man dabei die steten Repetitionen des Tones as in der linken Hand. Im nach cis-moll modulierten Mittelteil mutiert die gleiche schwarze Taste – als enharmonisches Wechselspiel zu gis. In dieser „finsteren“ Passage ertönt in tiefer Baßlage dann gravitätisch Choralhaftes, um dann wieder bei der abschließenden Reprise das Anfangsthema flüchtig zu zitieren. Bis zum vorletzten Takt pocht dann im Achtelrhythmus der Ton as. Dieses Stück gehört mittlerweile zu den populärsten Musikwerken, unzählige Pianisten haben op. 28 Nr. 15 in Konzertsälen und in Plattenstudios interpretiert. Selbst James-Bond-Fans ist das „Regentropfen-Praeludium“ geläufig: in „Moonraker“ spielt der superreiche und rassistische Bösewicht Drex in seinem Schloßgemach eigenhändig den A-Teil dieser Des-Dur-Komposition. 007 alias Roger Moore erweist sich hierbei als erstaunter und ehrfürchtiger Zuhörer…

Ein Faszinosum bleibt Chopin für die polnische Jazzszene. Die Sängerin Lora Szafran brachte jüngst eine CD unter der Devise „Tylko Chopin“ – „Nur Chopin“ – heraus (Polskie Nagrania Edition ECD 056). Neben Nocturnes, Mazurken, dem Konzert in f-moll und dem „Grande valse brillante“ wurden sechs Praeludien ganz unorthodox bearbeitet. Auch für das „Regentropfen-Praeludium“ verfaßte Justyna Holm einen melodiepassenden Text. Im signifikanten dreitönigen Anfangsmotiv fragt sie „Coz Ci dam?“, also „Was gebe ich Dir?“. Die Antwort im Liebesleidlied sind Tränen. Tropfen konvertieren hier nun in Tränen und mögen sich auf einen schwülstigen Satz von George Sand über Chopin beziehen: „Im Präludium, das er an jenem Abend komponierte, sind die Regentropfen zwar vorhanden, die auf das Dach der Kartause schlugen, aber sie hatten sich durch seinen tonschöpferischen Geist zu Tränen gewandelt, die vom Himmel auf sein Herz tropften.“ Lora Szafran singt mit reiner Mädchenstimme lieblich-cool, während Arrangeur Bernard Maseli mit seinem Elektro-Vibraphon für Glitzerglanz sorgt und synthetische Geigen streichend und zupfend agieren. Nichts zu hören ist von den ursprünglich charakteristischen Tonrepetitionen Chopins. Der Mittelteil in moll wurde bei dieser eigenwilligen Variante ohnehin ausgespart.

Beim Praeludium Nr. 17 erwähnt die Lyrikerin Justyna Holm den Namen des auf das Pianoforte spezialisierten Komponisten: „Diese Träume, wie der Flügel von Chopin“. Justyna Holm geht mit den Worten sparsam und vorsichtig um, die „Songs“ handeln von der Gefuehlswelt der Menschen: Liebe und Trauer.

Leszek Kulakowski nahm mit Jazz-Trio und dem Kammerorchester von Slupsk Mitte September 1994 die CD „Chopin And Other Songs“ auf. Der Silberling war dann Beigabe der von „Polonia Records“ aufwendig hergestellten Werbezeitschrift „Jazz Magazine“, Ausgabe Januar/Februar 1995. Das zweite Stück dieser Compact-Disc ist mit „Preludium C“ betitelt. Es handelt sich hierbei – ganz genau genommen – um das 20. Praeludium in c-moll, welches Kulakowski auf dem Klavier mit regentropfenden Tonrepetitionen beginnt, um dann immer mehr volle Orchesterkraft hinzuzufügen. Auch andere gecoverte Chopin-Werke (zwei Mazurken und ein Nocturne) erinnern an das progressive Power-Play eines Stan Kenton. Der seelenvolle und lyrische Chopin wurde hier zum musikalischen Kraftprotz konvertiert. Weniger bombastisch geht der klassisch geschulte Leszek Mozdzer bei „Chopin – Impresje“ (Polonia CD 029). Anfangstwen Mozdzer erregte zunächst Aufsehen als Keyboarder der erfolgreichen Nachwuchsband „Milosc“ und fand dann schnell Anerkennung beim polnischen Jazz-Establishment. So wirken als Gäste bei der vorliegenden CD Tomasz Stanko (Trompete) und Zbigniew Namyslowski (Altsaxophon) mit. Variabel und gewitzt nimmt sich (der im persönlichen Gespräch eher scheu wirkende) Mozdzer das Musikdenkmal vor: das wechselt er mal die Taktart, erfindet zu einer Melodie andere Akkorde oder zu den vorgegebenen Harmonien eine neue Hauptstimme, und da schleichen sich Ragtime, Blues und Charlie Parker ein…

Um auf Mallorca zurückzukommen: auch zwei Praeludien integrierte Leszek Mozdzer in sein ehrgeiziges Projekt: die Stücke in A-Dur und As-Dur. Historische Treue und Jazzimprovisationen von heute ergebenen gewißlich eine interessante Kombination. Die Leser der in Warschau erscheinenden Fachzeitschrift „Jazz Forum“ kürten die CD „Chopin“ (Polonia CD 022) vom Trio des Pianisten Andrzej Jagodzinski Trio zur „Platte des Jahres 1994“. Als erster und letzter Track dient hierbei das 4. Praeludium in e-moll. Sehr schnell wird das Largo von den Jazzern angegangen, keine Variante von „Play Bach“ nach dem so stereotypen wie methodisch-didaktischen Schema „Original – Improvisation (- Original)“. Vielmehr sind Bass (Adam Cegielski) und Schlagzeug (Czeslaw Bartkowski) von Anfang an mit von der swingenden Partie, und das Piano verhält sich nicht sklavisch notengetreu. Aus dem romantischen Chopin wurde eine runde Jazznummer.

Gerade bei dem 4. Praeludium in e-moll kann man in der stark an der phrygischen Skala orientierten Melodie ein Flamenco-Flair entdecken. Ganz konkret von spanischer Musik inspirieren lassen hatte sich Chopin auf Mallorca freilich nicht. Einen (untanzbaren und mit schwirrenden Klangkaskaden versehenen) Bolero komponierte er bereits 1833 in Paris.

Noch kränker als bei der Ankunft verließ der Komponist und Klaviervirtuose am 13. Februar 1839 die Balearen. Keine hundert Tage hatte er auf der Insel verbracht. Doch die Marginale der Kulturgeschichte übt selbst heutzutage noch ihren Reiz aus, zumindest für die Strategen des Fremdenverkehrs.

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