Trompetentöne unter Barockengeln


Tomasz Stanko, Fotografie: Hans Kumpf 

 Neben lyrischer Idylle entfachte der Trompeter Tomasz Stanko bei seinem Konzert in der Haller Hospitalkirche auch viele temperamentvolle Momente. Begleitet wurde der 1942 geborene Pole von vier jungen Skandinaviern. Ein stimmiges Musizieren über Länder- und Altersgrenzen hinweg. Die Premierenveranstaltung des Jazzclubs Schwäbisch Hall geriet zum vollen Erfolg.

Begeisterter Applaus nach den einzelnen Soli, tobender Beifall am Ende der Stücke, mehrere Zugaben. Das Publikum in der gut gefüllten Hospitalkirche war zu Recht begeistert vom neuen Quintett des polnischen Trompeters. Doch es war keine Solo-Show von Tomasz Stanko, der in seinem Heimatland immer wieder Dank der Leser der Zeitschrift „Jazz Forum“ immer wieder zum „Jazzmann des Jahres“ gewählt worden ist. Auch seine zwei dänischen und zwei finnischen Kollegen konnten sich ausgiebig profilieren.

1965 nahm der damals 23-jährige Tomasz Stanko in Warschau als Mitglied des Pianisten Krzysztof Komeda in Warschau die LP „Astigmatic“ auf, die als die allerwichtigste Plattenproduktion Polens gilt. Roman Polanskis legendärer Filmkomponist wurde nun auch bei der Zugabenrunde gewürdigt, mit der eingängigen Titelmelodie des Streifens „Rosemary’s Baby“ nämlich.


Olvai Louhivuori

Freilich, Tomasz Stanko verriet nicht die Benennungen seiner präsentierten Stücke, die weitgehend der gemeinsamen ECM-CD „Dark Eyes“ entnommen wurden. Er stellte nur nüchtern die Namen der Akteure vor. Keinesfalls biederte er sich verbal beim Publikum an, sondern ließ eben die Musik für sich sprechen. 

Schon sprichwörtlich ist Stankos „rau-herzliche“ Trompetenstimme, ein Sound, weltweit einmalig und unverwechselbar. In der deutschen Free-Jazz-Szene mischte Tomasz Stanko seit Anfang der 70er Jahre kräftig mit. An diese Sturm-und-Drang-Zeiten erinnert er selbst noch im Rentenalter, wenn er widerborstige „sheets of sounds“, Klangströme also, los lässt. Mit jugendlicher Attacke artikuliert der Blechbläser auch turbulente Staccato-Phrasen. Und immer wieder kehrt in den auskomponierten Parts und in den Improvisationen meditative Ruhe ein, choralhaft oft. Altersweisheiten eines Avantgardisten. 


Alexi Tuomarila

Behutsam entwickelt der Finne Alexi Tuomarila auf dem Flügel motivisch klug gestaltete „horn lines“, kommt nie mit romantisch berauschenden Akkorden daher, sondern greift lieber mal gezielt ins Saiteninnere des Instruments. Sein Landsmann Olavi Louhivuori am Schlagzeug agiert gleichfalls dezent, deutet das Metrum eher an. Überhaupt: Stur werden die Tempi von allen Musikern nie durchgehalten. Die Musik darf atmen, Agogik ist Trumpf, viele Fermaten.


Anders Christensen

Statt Funktionsharmonik meist modale Spielweise. Da markiert der dänische Elektrobassist Anders Christensen wiederholt einen rhythmisch repetierenden Orgelpunkt. Zentraltönigkeit auch häufig beim Klavier. Jakob Bro, ebenfalls aus Dänemark stammend, demonstriert auf seinem Gitarrenbrett die ganze Bandbreite seines Instruments. Da lässt er mit leisen sphärischen Klängen aufhorchen, bricht aber auch zupackend in die Gefilde des Rock Jazz auf.


Jakob Bro

Die ausgetüftelten Arrangements interpretierte das bestens eingespielte Quintett auch in Schwäbisch Hall notenblattlos. Vielmals wurden die Themen von mehreren Instrumenten homophon vorgetragen – mit wirklich „cooler“ Präzision. Ein zweistündiges Konzertprogramm voller Spannung und Kurzweiligkeit. Da freute sich vorneweg Dietmar Winter, der seit Jahren Tomasz Stanko in Hall haben wollte und dies nun vereint mit seinem neuen Jazzclub und dem Kulturbüro bestens geschafft hat.

PS:

Stanko am Rande

Tomasz Stanko in der Hospitalkirche lockte Fans aus einem Umkreis von hundert Kilometer nach Hall. Die Gelegenheit nahm auch der Kamera-Profi Hagen Kälberer aus Ohmden beim Albaufstieg wahr. Kälberer präsentierte beim letztjährigen Jazz-Art-Festival im Schafstall-Kino seinen Film über die coole Trompeten-Legende Chet Baker (1929-1988) als Welturaufführung, jetzt begegnete der Hobby-Blechbläser erstmals dem Weltstar Tomasz Stanko. Zwar kein Interview vor laufender Filmkamera, aber ein spezielles schwarz-weiß-Shooting im 6×6-cm-Format nach Konzertende im Backstage-Bereich. Und dann doch eine lockere Fachsimpelei unter Trompetern.