Trio Rouge in der Rüsselsheimer Jazzfabrik, 7. März 2007

Die Kombination von Tuba, Cello und Gesang weckt im ersten Moment Assoziationen an avantgardistische Experimente und ist doch tief in der europäischen Tradition verwurzelt. Das Trio Rouge, eine französisch-italienische musikalische Liebesheirat, interpretiert Volkslieder aus Italien auf eine zeitgemäße Weise mit jazzigen Elementen, aber auch mit Einflüssen von der europäischen Klassik bis zur Avantgarde. In Frankreich, der Heimat des Tubisten Michel Godard und des Cellisten Vincent Courtois, haben die Jazzmusiker dafür den Begriff „folklore imaginaire“ geprägt. 

Natürlich darf in so einem Konzert die bedeutendste Hymne der italienischen Resistenza, „Bella Ciao“ nicht fehlen, das Lucilla Galeazzi mit metallischem Schmelz ihrer ausdrucksstarken Altstimme härter und kämpferischer als von Gesanggruppen gewohnt, interpretiert. Wie sehr Stimme, Tuba und Cello zu einem homogenen Klangkörper verschmelzen können, zeigt sich beim Konzert der Rüsselsheimer Jazzfabrik im intimen Ambiente des Opel-Forums in „Voglio Una Casa“, einem Lied, in dem Cello und Tuba sich im Duo treffen – mit melodiösen Linien, Flattertönen und Überblastechnik sowie Stakkati-Läufen. Ganz in der europäischen Tradition verhaftet ist die Cello-Intro in „Per Vita Bella“, einen Ausflug in die neutönerische Avantgarde unternehmen Courtois und Godard zu dem Sprechgesang Galeazzis in „C´era Una Volta“. 
Mit einem eingegipsten Arm nach einem Sturz war die Sängerin bei ihrem A-Cappela-Stück „Stornelli A Saltarello“, in dem sie in der Regel mit Händeklatschen das Metrum vorgibt, verständlicherweise gehandicapt – doch wozu hat man das Publikum der Jazzfabrik, das diesen Part nicht nur gerne, sondern auch mit erstaunlichem Timing übernimmt. Ganz in der Folk-Tradition steht „Una Serenata“ mit sensibler Stimmführung, der stützenden Tuba mit ostinaten Akkordfolgen und den weit schwingenden Linien auf dem Cello.

„La Tarantella Translucida“ schließlich ist eines der Meisterstückchen dieses außergewöhnlichen Trios. Godard kann beweisen, welche Beweglichkeit die zu Unrecht als träge gescholtene Tuba entwickeln kann. Völlig losgelöst von formalen Bindungen lässt er die Tuba tanzen. Beschwingt, mit schnellen Läufen in melodisch reizvollen Linien leitet er zu einem experimentell avantgardistischen Cello-Solo über, in das schließlich Galeazzi mit gepresster Stimmakrobatik einfällt. Solche Spannungsgfelder zwischen Tradition und Avantgarde finden sich in zahlreichen Kompositionen wieder – so auch in „Per Gorizia“, wenn die Tuba solistisch rhythmisch in den tiefsten Lage grummelt, um dann mit Mehrstimmigkeit und Überblastönen aufzusteigen, wenn Godard in der Tuba oder im Serpent nur noch Atemgeräusche und die Luftsäulen klingen lässt, wenn Courtois mit dem Bogen den Metallfuß des Cellos streicht, rasend schnelle Wirbel in den höchsten Lage knapp über dem Steg streicht, Pizzikato-Folgen auf den Saiten zupft und Galeazzi die Stimme rau vibrieren oder sich in expressivem Aufschrei überschlagen lässt. Andererseits gibt es wunderschöne melodische Passagen. Das Konzert ist dank des kreativen Reichtums, der Sensibilität und der Virtuosität des Trio Rouge, wie Kritiker treffend resümiert, „ein emotionales Klangbad in den schönsten Eigenheiten der italienischen Seele“.

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