„SWR2 NOWJazz Session“ bei den Donaueschinger Musiktagen

Earl Howard und Felix Profos komponierten für Improvisationstrios

Donaueschingen. Südwestrundfunk-Jazzredakteur Reinhard Kager pflegt bekanntermaßen sein Faible für Elektronik. So auch wieder beim obligatorischen Jazz-Event anlässlich der Donaueschinger Musiktage, wo ja die Klangkunst aus (vormals) Radioröhren und (neuerdings) Computer-Soundkarten eine ästhetische Heimat hat. Bequem macht es Kager dem schließlich einiges gewohnten Publikum der Novitäten-Messe fürwahr nicht. 

Der Abend in der Sporthalle der Gewerblichen Schulen begann äußerst kammermusikalisch – ohne Notenmaterial. Bei „Clepton For Electronics And Acoustic Trio“ bestand die kompositorische Arbeit von Earl Howard eigentlich nur darin, vorbereitete Digital-Klänge ablaufen zu lassen und „live“ die Improvisationen der Mitspieler elektronisch zu transformieren. Der sehbehinderte und greisenhaft wirkende Amerikaner (Jahrgang 1951) saß da ruhig an seinem hochtechnologisierten Kurzweil-Keyboard „K 2600“ und ging bedächtig und behutsam zu Werke. Alles kontrolliert, keine wilden Ausbrüche – und keine traditionelltypischen Jazzelemente wie „swing“ und „drive“, von „blue notes“ ganz zu schweigen. Der Pianist Georg Graewe, der exzellente Cellist Ernst Rejseger und der universelle Perkussionist Gerry Hemingway agierten mit Noblesse und stets interaktiv. Schließlich handelt es sich hier um ein seit Jahren bestens eingespieltes internationales Trio.

Ganz solo am Flügel dann der 1956 in Bochum geborene Georg Graewe mit einem Interludium „quasi una fantasia“. Gewiss eher europäisches Romantikgefühl samt impressionistischen sowie expressionistischen Erweiterungen als pure Jazz-Eigentümlichkeiten. Anstelle starrer Tempi traten agogische Freizügigkeiten, glitzernde Cluster wiesen in die Jetztzeit. Konventionell beharrte Graewe auf dem Tastenspiel – kein Griff in das Innere des Flügels. 

„Elender geht’s nimmer“ – so kommentierte beim Smalltalk anlässlich des feudalen Empfangs im Fürstenberg-Schloss der Tonsetzer Werner Heider die Performance der eidgenössischen Formation „Steamboat Switzerland“. Und Heider ist ja bekannt dafür, Genre-Grenzen zu überschreiten, hat er doch 1957 schon sogar für das Modern Jazz Quartet plus Kammerorchester in Donaueschingen auftragsgemäß komponiert. Ohrenbetäubende Dampfhammer-Methoden, deppische Dezibel, stumpfsinniger Aktionismus, eine Renaissance vom Bruitismus und anderweitige musikalische Gewalttätigkeiten. Zumindest am Anfang mussten diese Schlagworte einem sensiblen Rezipienten zwangsläufig in den Sinn kommen. Bei der Radioaufnahme soll das Trio „Streamboat Switzerland“ differenzierter geklungen haben, so war zu vernehmen. 

Intellektuell verbrämt wurde die Aktion der vom Rock herkommenden Band durch den Winterthurer Komponisten Felix Profos, der mit seinem auf teils riesigen Notenblättern fixierten Opus „Get Out Of My Room“ das Gedröhne mehr oder minder primitiv rhythmisierte. Keyboarder Dominik Blum traktierte vornehmlich eine Hammond-Orgel, für bassige Gitarren-Töne sorgte Marino Pliakos, und der als hoffnungsvolles Talent gepriesene Drummer Lucas Niggli war auch nur vor allem laut und derb. 

Nach wie vor bleibt zu beklagen: Die Jazz-Sessions in Donaueschingen lassen allzu oft ein wichtiges Moment beim gemeinsamen Improvisieren vermissen, nämlich das der Freude und der Lust. Griesgrämigkeit dominiert offensichtlich. Dabei kann doch Hirn mit Herzlichkeit homogen verbunden werden und zu spannungsreichen Resultaten führen. Wie man Kreativität mit Humor gewitzt kombinieren kann – dies hatte im Konzert zuvor wieder einmal Altmeister Mauricio Kagel bei seinem „Divertimento?“ demonstriert. Als theatralischen und akustischen Gag hatte dieser fallende Notenblätter in sein Uraufführungswerk integriert. Beim schiffbrüchigen „Steamboat Switzerland“ geriet dagegen das wilde Entledigen von nicht mehr benötigenden Partituren zum billigen Show-Effekt.

(Oktober  2006)