Swing-Piano als Light-Produkt

LUDWIGSBURG. Paul Kuhn ist musikalisch ein Begriff. Weniger bekannt dürfte sein, daß der Pianist mit Gesangsambitionen in den fünfziger Jahren zusammen mit Hans „James“ Last (Kontrabaß) zur ersten Riege deutscher Nachkriegsjazzer gehörte. Geradezu volkstümliche Popularität erlangte Paulchen Kuhn als verschmitzter Schlager-Onkel mit den Hits „Es gibt kein Bier auf Hawaii“, „Der Mann am Klavier“ und „Die Farbe der Liebe“. Schließlich hatte der schnodderige Musik-Plauderer noch eigene TV-Shows: „Paul’s Party“, „Tanzmusik“ und „Hallo Paulchen“. Von 1968 bis 1980 leitete er die Big Band vom „Sender Freies Berlin“, wo sich auch als großorchestraler Arrangeur beweisen konnte.

Der Jazzclub Ludwigsburg, der ansonsten freitags im Kellergeschoß der Musikhalle seine vom Nikotinrauch geschwängerten Veranstaltungen abhält, konnte nun in den großen Saal des schmucken Gebäudes einladen. Beträchtlich geriet der Publikumszuspruch zu dem geradezu intimen Trio-Konzert, der Sender RMB trat erstmals als Sponsor hervor. Die Tage des Süddeutschen Rundfunks sind bekanntlich vorbei, und der neue SWR will sich jazzmäßig in der Barockstadt nicht engagieren.

Schon der Opener „Fascinating Rhythm“ ließ die musikalische Konzeption Kuhns deutlich erkennen: elegantes Swing-Klavier der konventionellen Art, leicht und locker dahergeswingt, perlende Piano-Läufe und kontrastierend dazu feindosierte Blockakkorde. Ergänzend im bestens eingespielten Team ein stets dezentes Schlagzeug mit sauberer Besen-Arbeit von Willy Ketzer und ein überaus melodiöser Kontrabaß von dem Kölner Paul G. Ulrich.

Den Abend dominierten Kompositionen von George Gershwin, der im Vorjahr 100 Jahre alt geworden wäre. Als weitere Standards des 1937 verstorbenen Evergreen-Schöpfers interpretierte Kuhn „Bess, You Is My Woman“, „‚S Wonderful“ und „Oh“ Lady Be Good“. Wiederholt fungierte Kuhn samtweich als baritonaler Sänger – und wenn der Sinatra-Reißer „Fly Me To The Moon“ etwas intonationstrüb daherkam, konnte man immerhin eine Authentizität zum alternden „Frankie Boy“ konstatieren.

Der Kalender inspirierte auch die Ehrung von Duke Ellington, der am 29. April 1899 in Washington geboren wurde. Und da durfte dessen Zug-Nummer „Take The A-Train“ nicht fehlen.

Balladen bestimmten den Abend, meist moderate Tempi, keine aufreizende Dynamik, kurze Solo-Improvisationen – fast eine Atmosphäre von gediegener Barmusik im noblen Konzertsaal. Technische Glanzpunkte setzte hierbei jedoch immer wieder Paul G. Ulrich, der auch mal zupfender und streichender Weise auf seinem Kontrabaß ein dialogisches Solo hinzauberte. Da war nichts von einem etwaigen Altherren-Jazz zu spüren. Übrigens: der in Wiesbaden gebürtige Paul Kuhn wird am 12. März 1999 nun 71 Jahre alt.

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