Gemeinsamkeit der Individuen

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Esslingen – Der Start der neuen Jazz-Session in Esslingens Kulturzentrum „Dieselstraße“ demonstrierte erneut die integrative Kraft zeitgenössischen Jazzmusizierens. Da verbinden und verbünden sich die gewohnten afro-amerikanischen Elemente harmonisch mit asiatischen Klangsensibilitäten und europäischem Kalkül. Ned Rothenberg, zumeist in New York lebend, studierte in Japan bei zwei Lehrmeistern besonders die aus Bambus gefertigte Shakuhachi-Flöte, tat sich mit dem Stimmwunder Sainkho Namchylak (Tuva) im Duo zusammen, tourte mehrmals in Ländern der einstigen Sowjetunion – seit zwei Jahrzehnten befindet sich der Saxophonist und Baßklarinettist weltweit auf musikalischen Forschungs- und Kooperationsreisen.

Nun eröffnete Ned Rothenberg mit seinem „SYNC“ benannten Trio in Esslingen das 1999er Jazz-Programm der Dieselstraße. Mit dabei sein Landsmann Jerome Harris, der 15 Jahre lang den renommierte Tenorsaxophonisten Sonny Rollins gitarristisch unterstützte, und der indische Perkussionist Samir Chatterjee. Auch Chatterjee begleitete schon einen Welt-Star, nämlich den Sitar-Virtuosen Ravi Shankar. Mit der rechten Hand bedient der Hand-Schlagwerker traditionsgemäß die eigentliche „Tabla“ und mit der linken die Baßtrommel „Bayan“. In Esslingen zauberte er mit viel Disziplin in komplexe Metren raffinierte Rhythmen auf die Felle, zudem imitierte – wie viele andere Tabla-Spieler – auch Chatterjee die hochfrequenten Perkussionsklänge zungenflink auf vokale Art.

Bei SYNC dominierte freilich Ned Rothenberg, der auf der allseits gebräuchlichen B-Klarinette mit einer Solo-Introduktion den Abend eröffnete – Reminiszenzen an die aufstrebenden Anfangstakte der „Rhapsody In Blue“ des vor einhundert Jahren geborenen George Gershwin. Doch auf dem Instrument und in seinen Ansagen gab sich Rothenberg sehr geschwätzig, die Musik geriet eingangs relativ monoton. Der Ablauf war kompositorisch geregelt, angestrengte Noten-Blicke erlaubten nur wenig improvisatorische Vitalität. Zudem war die akustische Baßgitarre nicht laut genug zu hören. Der vormalige Harvard-Student bedient ein sehr seltenes Korpus-Instrument – kein bloßes Brett und viel mehr als der zierliche „Beatles-Baß“ von Paul McCartney; in die europäische Jazzszene wurde der großvolumige Viersaiter von dem Schweden Jonas Hellborg eingeführt.

Erst als Harris zur „klassischen“ Konzertgitarre und Rothenberg zum Altsaxophon griffen, entwickelte sich das Musizieren variantenreicher. Bei „Gamalong“ wurde der balinesischen Gamelan-Musik gehuldigt. Da vollführte Ned Rothenberg versiert Mikrointervalle, Obertonfilterungen und Schleiftöne, während Jerome Harris das indische Saiteninstrument Sarod nachzuahmen schien. Als Rothenberg anschließend meditativ mit luftbeseeltem Sound die Shakuhachi blies, wechselte auch Harris ins japanische Metier und ließ – mit Hilfe der ordinären „bottleneck“-Technik – seine Gitarre wie die fernöstliche Zither „Koto“ erschallen. Bei dieser Multi-Kulti-Kunst wurden noch der karibische Calypso, der spanische Flamenco und immer wieder Blues und Bebop integriert. Besonders meisterlich vermochte sich Ned Rothenberg auf der Baßklarinette zu profilieren: Klangkaskaden bei andauernder Zirkularatmung, trickreiche Polyphonie und schnarrende „harmonics“. Je später der Abend, desto interaktionsfreudiger wurde das amerikanisch-indische Team.

„SYNC“ ist der geradezu sibyllinische Name dieser Dreier-Beziehung. Klar: mit dem boyhaften ‚N SYNC-GeHipHopse hat diese Gruppe gereifter Männer nichts zu tun. Freilich steckt da auch mehr als nur „syncopated music“ dahinter. Synchronopsie dient als Fachbegriff für eine quasi tabellarische Gegenüberstellung von Ereignissen, welche zur gleichen Zeit in verschiedenen Ländern eintraten. Am besten charakterisiert wohl „Synchronismus“ die Konzeption von „SYNC“: Gleichzeitigkeit und Übereinstimmung. An weltmusikalischem Konsens der drei Künstler-Individuen mangelte es wahrlich nicht.

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