Sainkho Namtchylak in der Rüsselsheimer Jazzfabrik, 16.09.2004

Das Konzert beginnt mit dem Säuseln des Windes über der Weite von Tuva – einem ehemaligen Sowjetstaat am Rande der Mongolei. Ein sanfter Hauch durchweht das Dunkel der Hinterbühne des Rüsselsheimer Theaters, kaum zu vernehmen, aber deutlich zu spüren. Sainkho Namtchylak summt das „Eintönige“ nasal, formt den  Rachen und fügt so dem anhaltenden Grundton die Obertonfolge hinzu. Das „Mehrtönige“ entwickelt sich, ein zweistimmiger Gesamtklang entsteht, gepresst, mit schrillen Schreien, Glucksern und Jodlern. Aus dem tiefen Brummen des OM-Gesanges lösen sich die Sounds wie akustische Störungen, die gebrochenen Laute, die Krächzer. Vibratoreiche Melodielinien mit Trillern, dann wieder wie Babystimmen. Sainkho Namtchylak, die Künstlerin aus Tuva, scheint auf der Suche nach den menschlichen Urlauten zu sein. Schamanen haben diese Gesangsform entwickelt, eine magische Musiksprache. Wer solche Obertonmelodien beherrscht, steht in Verbindung mit den Geistern, heißt es in Tuva.  „Höömij“ (Rachen) ist die Kunst des tuvinischen Kehlkopfgesangs, den die so bescheiden wirkende Künstlerin perfekt beherrscht.

Nein! Es ist nicht die reine tuvinische Folkore – auch wenn Namtchylaks Gesang ihr zum Schluss mit einem Lied näher kommt. Diese akustische Kehlkopf- und Rachenakrobatik wird auch bestimmt und geformt durch westliche Avantgarde und jazzige Improvisationstechnik, durch Weltmusik und Klassik.

So sitzt die Sängerin im Scheinwerferlicht der Bühne, die Händer locker im Schoß. Brust und Bauch folgen dem Atem, der stoßweise Sounds produziert. Namtchylak spielt perfekt mit der Dynamik und den Intensitätswellen. Sie wechselt mühelos die Stimmlagen, springt vom gepressten motorischen Klang zur engelsgleichen klaren Kinderstimme. Es folgen Vokalisen in rasenden Stakkati. Da geraten die Hände in Bewegung, wenn sie in percussiven Passagen ostinate Rhythmusfiguren aneinander reiht. Sie schnattert und schnauft, zerdehnt und zischelt. Die Worte, so sie wirklich welche formt, sind unverständlich zerfasert. Aber die Mimik verrät, dass sie Geschichten erzählt. 45 Minuten lang ist die Stimme in Bewegung, räuspert sich nur hin und wieder, um die Kräfte raubenden, mehrstimmigen Presstöne erneut aufzunehmen.

Es folgt ein leiser monologisierender Dialog, einem einseitig gehörten Telefongespräch gleich, in dem die Pausen die Musik machen. Eine kinderliedhafte Melodie erklingt, lässt die Einsamkeit in der südsibirischen Landschaft zwischen Russland und der Mongolei erahnen. Hier ist Sainkho Namtchylak 1957 in einem Goldgräberstädtchen zur Welt gekommen, hierhin hat sie die Musik trotz aller Einflüsse westlicher Avantgarde und Jazz im Rüsselsheimer Konzert wieder geführt.