Barrelhouse Jazz Gala 2004 beim Jazzclub Rheinhessen in Nieder-Olm, 18.09.04

Was für ein schöner sonorer Ton. Vollmundig und erstaunlich kräftig für einen Tenorsaxophonisten von sage und schreibe 92 Jahren. Franz Jackson, der wohl älteste aktive Jazzmusiker des traditionellen Jazz ist ein Meister der Balladen. Mit leichtem Vibrato bläst er sein Solo vor der Rhythmusgruppe der Frankfurter Barrelhouse Jazzband, mit der er als Gast der Gala 2004 zum Jazzklub Rheinhessen nach Nieder-Olm gekommen war. Dann „The Sheik of Araby”! Jener Song aus dem Jahr 1921 mit dem orientalischen Flair durch die Wiederholungen der melodischen Struktur. Jackson erweist sich als ein unterhaltsamer Sänger, so wie er als Saxophonist Schnalzer und Knaller beim Luftholen während des Spiels bewusst als Gimmicks einsetzt. Die Duos mit dem Klarinettisten Reimer von Essen, selbst einem intimen Kenner der Jazztradition und Künstler auf seinen Instrumenten, belegen die abgeklärte und humorvolle Reife von Jacksons Spiel deutlich.

Der Senior aus USA war nicht die einzige erfreuliche Überraschung dieses glanzvollen Konzertabends. Im Vergleich zu ihm ist Wycliffe Gordon noch jung, doch sein mehrstimmiges Posaunenspiel, jene Sounds, die Gordon durch gleichzeitiges Singen und Blasen erzeugt, sowie die schnellen, stakkatohaften Läufe mit der Leichtigkeit des Trompetenspiels wecken Bewunderung. Ihm zu Seite steht Justin Kisor, ein junger Mann, der die Trompete mit traumhafter Sicherheit in allen Lagen bläst. Da sitzt jeder Ton auch in den spitzen High-Notes, klingt das Spiel in den lyrischen Mittellagen makellos, die Intonation sauber. Wäre nicht die beseelte Wärme, klänge das Spiel fast zu akademisch.

„Play, fiddle, play“ ist ein Stück, das speziell für das Banjo geschrieben wurde, sagt „Fast“ Eddie Erickson und nimmt dies zum Anlass für seine Entertainer-Späßchen. Die amüsieren das Publikum in der ausverkauften Nieder-Olmer Ludwig-Eckes-Halle auch in „Rockin´ Chair“, ein Titel, den er als „Schaukelstuhl“ eindeutscht, den er aber auch für mitreißende Duos mit dem Barrelhouse-Gitarristen Roman Klöcker nutzt. Es ist ein melodiöses Stück mit Zwiegesprächen, einigen Wechseln von Melodie- und Rhythmus-Instrument und nach einem Tempowechsel ein Duett beim Aufgreifen des Themas. Den „Limehouse-Blues“ leitet Erickson mit einem Solo von kinderliedhafterSchlichtheit ein, bevor die Band heftig swingt und der Gitarrist aus USA schließlich seinem Namenzusatz „Fast“ alle Ehre macht. Es sollte allerdings nicht verschwiegen werden, dass im anschließenden Banjo-Battle wie schon zuvor in den Hochgeschwindigkeitsläufen auf den Gitarren Klöcker sich seinem amerikanischen Kollegen ebenbürtig zeigte. Wäre als letzter Gast noch der junge Schlagzeuger Winard Harper zu erwähnen, ein schneller Drummer mit ausgesprägtem Time, dessen Spiel in „Caravan“ aber zu sehr die Virtuosität in den Vordergrund stellte, während das Melodische leider in den Hintergrund trat. Das Publikum indessen feierte ihn frenetisch. Die Bläser frischten die Ellington-Komposition mit einem überspitzten Sound der typischen Ellington-Moods auf, Posaunist Gordon ahmte Elefanten-Trompeten nach, raute den Ton in den Soli auf, währenddessen Trompeter Kisor strahlende Stakkati blies und sich mit Gordon im mehrstimmigen Spiel traf.

Mit einer pulsierenden Armstrong-Komposition „You´re driving me crazy“ hatte das fast vierstündige, kurzweilige Konzert begonnen. Danach unternahm die Barrelhouse Jazzband einen Ausflug zu Ellington und Sidney Bechet und landete beim „Boogie für Mr. Haha“, einer Komposition ihre Pianisten Jan Luley, ein Stück, das das Publikum jumpend und jivend zu Beifallstürmen hinriss. Als ein solides und präzise trommelndes neues Bandmitglied der Barrelhouse erwies sich Kai Vieweg, der vielschichtige Rhythmusfiguren über einen konstant durchlaufenden Beat legte. Mit „It don´t mean a thing, if it ain´t got that swing“ ging das Konzert gegen Mitternacht zu Ende – bevor sich alle Musiker in einer Jam-Session vor dem begeisterten Publikum verbeugten und gemeinsam mit ihnen „What a wonderful world“ anstimmten.