Roy Hargrove Quintet in Rüsselsheim, 19. Juli 2009

Der inzwischen fast 40 Jahre alte Trompeter Roy Hargrove hat die Geburt des Bebop selbst nicht erlebt, bleibt aber nach Ausflügen in Hip-Hop, Funk und anderen Jazz-Ableger tief in der Tradition verwurzelt. Die ersten Stücke des Konzertes im Rüsselsheimer Theater deuten auf einen eher unspektakulären Abend hin, doch dann überrascht das glänzend eingespielte Quintett beim Auftritt im Rahmen des Rheingau Musik Festivals und in Verbindung mit der Rüsselsheimer Jazzfabrik mit aufregenden Soli und Kollektiven, die den souveränen Umgang Hargroves mit dem Bebop verraten, auch wenn die Abläufe oftmals konventionell und vorhersehbar angelegt sind. Fließend wechselt der gereifte, selbstbewusste Trompeten-Star von samtiger Eleganz und aus mittleren Lagen in jubelnde sowie gestochene und stählern gleißende Highnote-Lagen.

Assoziationen an Clifford Brown und Maynard Ferguson lassen sich ebenso wenig verdrängen wie die an Hargroves Entdecker, den Neo-Traditionalisten Wynton Marsalis. Dass Nachfahr nicht gleichbedeutend mit Epigone sein muss, beweist der Texaner nachdrücklich. Sein Gespür für Extravaganz setzt seine Kompositionen – auch wenn sie Bebop-Standards harmonisch wie rhythmisch nahestehen – in einen neuen Kontext. Dies ist zudem ein Verdienst des glänzenden Pianisten Jonathan Batiste, der mit perlenden Singlenote-Ketten und rasenden Akkordläufen ebenso besticht wie mit tastenden Lyrismen, wenn Hargrove in sanften Balladen zum Flügelhorn greift und puren Wohlklang pflegt. Dann schwelgt der Trompeter in lang geschwungenen Melodiebögen, zu denen die Rhythmusgruppe entspannt swingt.

Mit bestechend harmonischer Raffinesse grundsätzlich in tiefen Lagen geerdet, greift Bassist Ameen Saleem in seinen Soli die Saiten – eine Fähigkeit, die trotz hervorragender technischer Abmischung in der straight marschierenden Begleitung leicht überhört wird. Pulsierend und kraftvoll treibt Drummer Montez Coleman das Quintett vor sich her, zeigt seine polyrhythmische Kunst zuweilen in Solopassagen des Trios mit Bass und Piano. 
Wie sehr sich Hargrove und sein Quintett über die Bebop-Tradition hinaus emanzipiert haben, belegt das Up-Tempo-Stück „comrade“ zum Beginn des zweiten Sets. Das Quintett pulsiert ungebunden, integriert Elemente des freien Jazz. Vor allem Saxophonist Justin Robinson lässt sein Instrument in überblasenen Stakkato-Läufen aufschreien und röhren, wechselt nahezu nahtlos aus Tiefen Lagen in die höchsten Lagen, spielt eruptiv und sinnlich. Traumhaft sicher und sensibel aufeinender abgestimmt erklingen die Uni-Sono-Passagen von Altsaxophon und Trompete sowie die zweistimmigen Duette, in denen die beiden Musiker einander umspielen und die Melodielinien verweben. Andererseits überrascht Hargrove mit Kontrasten, wenn er attackierenden Saxophonläufen sanfte Trompetenläufe entgegen setzt.

Zum Abschluss reißt das vor Spielfreude strotzende Quintett das Publikum im Rüsselsheimer Theater mit einem groovenden Blues von den gepolsterten Sitzen und schließlich sorgt Pianist Batiste mit Zitaten aus Rag und Boogie sowie sperrigen Akkordschichtungen in der Tradition eines Thelonious Monk für ein humorvolles Glanzlicht, das Hargrove mit einem expressiven Solo in den Highnotes toppt.