Burkhard Beins Solokonzert in Rüsselsheim, 17. Juli 2009

Der asketisch wirkende Mitvierziger hinter Trommel und Becken lauscht konzentriert dem nahezu unhörbaren Klang der auf dem Messingbecken kreisenden Styroporkugel nach. Das ebenso aufmerksame Publikum in der historischen Opel-Villa glaubt die Stille atmen zu hören. Dann mahlt ein Stein auf Stein auf Eisen auf dem Fell der Trommel, das Burkhard Beins hin und wieder mit der Hand abdämpft. Vereinzelte Schläge mit der Metallklammer der Trommelbespannung wirken wie Explosionen. Der Berliner Künstler ist ein Magier der Sounderzeugung, stilprägend in der Schöpfung eines abstrahierten und reduzierten Einsatzes von Percussionsinstrumenten, ein Ästhet der Klangmiskrokopie. Im Programmheft wird er zu Recht als der „Leisetreter unter den Percussionisten“ angekündigt.

Beim Solokonzert – einer Gemeinschaftsveranstaltung der Stiftung Opel-Villen und der Rüsselsheimer Jazzfabrik – werden die Zuhörer Zeugen einer Art musikalischen „work in progress“, einer spontanen Komposition, die der künstlerische Leiter der Jazzfabrik, Stephan Dudek, in der Parallele zu der laufenden Ausstellung „Kunst zur Arbeit“ sieht. Freie Improvisation ist ein Spiel mit den Klangmöglichkeiten, der Erweiterung des traditionellen Musizierens sowie der Verbindung natürlicher und elektronischer Sounds. Es entsteht eine schillernde Klangsinnlichkeit.

Burkhard Beins zieht den Geigenbogen über den Rand eines Beckens, lässt Sinustöne in variierenden Höhen schwingen. Er reibt Becken auf Becken in auf- und abschwellenden Intensitäten, schiebt E-Bows genannte Induktionstonabnehmer auf den Saiten einer alten Zither, die mit Vibrato und Echo-Effekten lang anhaltende Schwingungen zur Grundierung erzeugen, die sich wie Tinnitus in den Gehörgängen festsetzen.

Mit dem Reiben von Stein auf Stein, den Klöppelschlägen auf kleinen aufgebockten Metallstäben, n Soundeffekten geriebener Metallknäuel ( wie sie die Hausfrau zum Putzen ihrer Pfannen nutzt) oder Schmiergelschwämme (der Handwerker) sind den Geräusch-Tüfteleien keine Grenzen gesetzt. Und dennoch sind solche Soundcollagen keineswegs beliebig. Wenn die Kugel immer wieder über das Fell der Trommel rollt, sorgen die Knäuel und Schwämme für feine Tonabstufungen. Wenn ein Becken in ständig steigender Intensität und wachsendem Tempo auf einem zweiten Becken kreist und Beins zum Klöppel greift, dann nähert sich die Klangcollage einem Crescendo, das in der nachfolgenden Stille aufgelöst wird. Freie Improvisation geht keineswegs mit dem Negieren von Struktur und Logik einher.

Dies belegt Burkhard Beins nach diesem ersten akustischen auch in einem zweiten elektronischen Set. Mit Verfremdungen setzt der Percussionist ostinate Klangfiguren und statische -flächen gegen die treibenden Entladungen von „Vibrationsstäben“. Die Sounds wecken beim Zuhörer Assoziationen an mechanische Klänge der „Urban Sounds“. Der Künstler hält eine Schärfung der Sinne und eine größere Befähigung zu Pluralismus sowie Differenzierung für notwendig. Das Rüsselsheimer Konzert wurde diesem Anspruch gerecht.