Rebekka Bakken in der Rüsselsheimer Jazz-Fabrik, 4. November 2003

Nein! Eine Jazz-Sängerin ist Rebekka Bakken im Sinne des Jazz-Purismus nicht. Aber Jazz-Einflüsse sind in dieser Melange aus Jazz, Pop, Folk und Blues unüberhörbar. In „Up in the tree“ phrasiert die unter anderem in Wien lebende Sängerin aus Norwegen jazzig, in der Zugabe „Giant body“ eher rockig. Vorherrschend jedoch ist die folkloristisch angehauchte Atmosphäre der Song-Poeten, die sie mit klarer, nuancen- und facettenreicher, wandlungsfähiger und anrührender Stimme schafft.

Beim Konzert in der Rüsselsheimer Jazzfabrik singt Rebekka Bakken ihre eigenen Kompositionen, erzählt Geschichten von der Liebe und aus dem Alltag, legt ihr Innerstes offen in den meist ruhigen und nachdenklichen Liedern. Dann schlüpft sie in die unterschiedlichsten Rollen, kommt mal als kleines, verletzliches Kind als Femme Fatale, als Kindfrau oder einfach als natürliches Mädchen von nebenan.

Das ist ihre Stärke: eine wandlungsfähige Stimme, die über nahezu drei Oktaven hinweg in warmem Alt gefangen nimmt, in hellem Timbre die Songs von oftmals kinderliedhafter melodischer Schlichtheit interpretiert und die immer wieder auch virtuos instrumental zur Abrundung des flirrenden Gitarrensounds, schwebender Synthesizerklänge oder erdiger Bass-Riffs eingesetzt wird.

„Cover me with snow“ singt Rebekka Bakken als leicht groovendes Stück mit dunkel timbrierter Stimme, „Powerless“ gleicht schon eher dem Sprechgesang der Entertainerin über den Glissandi der Gitarre von Martin Koller und dem Akkordspiel des Pianisten Takuya Nakanura. „Worrieless“ interpretiert die Norwegerin als langsame Ballade über den Soundwellen der Laptop-gesteuerten Elektronik und den Singel-Note-Ketten auf dem Flügel. In einem ihrem Vater gewidmeten Liebeslied zeigen Bassist Dieter Ilg mit einem harmonisch variationsreichen Solo, die flexible Besenarbeit von Jojo Mayer auf dem Schlagzeug sowie die melodischen Läufe auf dem Flügel, dass der Abend doch nicht zu Unrecht unter der Kategorie Jazz rubriziert werden darf, „Up in the tree“ könnte zu einem Jazz-Standard werden mit seiner rhythmisch akzentuierten Ausrichtung.

 Dann wiederum kokettiert die Sängerin mit dem langen blonden Haaren und dem sinnlich schmollenden Mund in „I fall in love“ mit dem Publikum, fordert die Männer mit der Verlockung „kiss me“ heraus um schließlich in „Virgin´s Lullabye“ alle Register ihre Wandlungsfähigkeit zu ziehen.

„Bevor ich auftrete, denke ich nie darüber nach, was ich gleich musikalisch tun werde, in welche Rolle ich schlüpfe“, sagt Rebekka Bakken. Mit dem Schreiben sei es genauso. „Ich lasse es passieren, schreibe nur die Worte, die schon da sind, die die Musik verlangt und die ihr ohnehin bereits gehören.“ Und dann gesteht die 33-Jährige, dass sie wohl beim Singen ihre Neurosen ausleben kann.

Für diese Fähigkeit, das Seelenleben in Musik umzusetzen und mit dieser Stimme so zu interpretieren, waren ihr die zahlreichen begeisterten Zuhörer in Rüsselsheim dankbar.