Musik muss für sich stehen

Erstmals traf ich Patrick Bebelaar 1993 auf der Insel Malta, als er beim dortigen Festival am „Grand Harbour“ mit dem jugendlichen Jazzorchester Rheinland-Pfalz aufspielte. Der 1971 in Trier geborene Pianist ist jedoch längst in Baden-Württemberg heimisch geworden. Im Jahre 2000 wurde ihm der Jazzpreis des südwestdeutschen Bundeslandes zuerkannt. Und immer wieder trat Bebelaar mit außergewöhnlichen Projekten hervor, so mit der sich auf Bachs h-moll-Messe (BWV 232) beziehenden Komposition „Pantheon“, die Anfang September 2005 beim Europäischen Musikfest in der Stuttgarter Leonhardskirche uraufgeführt wurde. Patrick Bebelaar informiert auf seiner Homepage (www.bebelaar.de)ausführlich über sein Schaffen. Trotzdem richtete ich einige Fragen an ihn.

Hans Kumpf

Wie kamst Du zu Johann Sebastian Bach und zu Helmuth Rillings Bachakademie?

Im Jahr 2000 erschien meine CD „Passion“, in der ich mich mit Kompositionspraktiken Bachs auseinandersetzte. So ergab sich der erste Auftrag „Point Of View“ zu Beethoven. Als man mich drei Jahre später erneut anfragte, ob ich mir vorstellen könne, etwas zu Bachs „h-moll-Messe“ zu komponieren, war das natürlich fast wie ein Ritterschlag.

Was fasziniert Dich an der h-moll-Messe besonders?

Der Spannungsbogen, den Bach über diese „Große Messe“ zu halten vermag, der ökumenische Gedanke, der einen Protestanten dazu bringt, eine katholische Messe zu komponieren und, natürlich, die Metaebene, auf der Bach seine musikalischen Anspielungen und Zahlenspiele treibt.

Welche Elemente dieser Bach-Messe hast Du für Pantheon übernommen?

Eben diesen ökumenischen Charakter, der, in die Jetzt-Zeit übertragen, die Einbeziehung anderer Religionen beinhaltet, und die Zahlensymbolik, die ich von Bach übernommen und in meine Komposition eingebaut habe.

Kann man dies alles auch ohne theoretische Vorkenntnisse und ohne erläuternde Analyse durch den Komponisten Bebelaar wirklich heraushören?

Musik muss immer für sich stehen. Einer Erklärung kann es nicht bedürfen, um Musik gut zu finden. Daher wird man Spaß beim Hören haben oder nicht – ganz Geschmackssache. Man wird sicherlich ähnlich, wie man bei Bach auch Zahlensymbolik und das Spiel mit Intervallen nicht einfach heraushört, vieles unterbewusst wahrnehmen und dies wird dann ein „emotionales Hören“ verstärken. Wer will, kann lesen, was es alles zu entdecken gibt, und hat dann mehr Freude an meiner Musik – oder auch nicht. Auf jeden Fall wird man immer wieder den Einfluss der Melodien aus anderen Religionen erkennen und somit den weltmusikalischen Charakter.

Wie sieht es mit der Instrumentation aus?

Ich habe jede Instrumentengruppe vertreten: Blech- und Holzbläser, Streicher, Schlagwerk, denn die Pauken spielen eine wesentliche Rolle, und die Tasteninstrumente, die eben für die basso continuum-Gruppe stehen. Und das Clavichord, welches ich entsprechend an den a capella-Stellen benutze. Abgesehen davon singt Carlo Rizzo beim Gloria.

Nach welchen Kriterien hast Du die Musiker ausgesucht?

Ich suche immer nach Persönlichkeiten, nach Ausnahmeerscheinungen: Michel Godard ist an der Tuba eine solche, genauso wie Carlo Rizzo, der sich sein eigenes Instrument, ein chromatisches Tamburin, selbst erfunden hat. Fried Dähn hat vor vielen Jahren ein Electro-Cello entwickelt, Herbert Joos und Frank Kroll suchen ebenfalls ihresgleichen am Instrument.

Wie waren die Reaktionen nach der Uraufführung?

Die Reaktionen waren überwältigend: Die Uraufführung war ausverkauft, das Publikum und Auftraggeber hoch zufrieden – und ich fix und fertig.

Wie verlief dann der Weg zur CD?

Eigentlich wollte ich den Livemitschnitt des SWR nutzen, aber dann hätte ich sehr viel herausschneiden müssen, um alles auf eine CD zu bekommen. Daher haben wir am Tag nach der Premiere eine Studioversion aufgenommen. 

Stehen weitere Projekte mit der Bachakademie oder anderen „klassischen“ Institutionen an?

Ja, zurzeit arbeite ich an einer weiteren Auftragskomposition für die Bachakademie. Diesmal zu der „Kunst der Fuge“. Ich werde diesen Abend allerdings zusammen mit der Kölner Komponistin Caroline Thon gestalten. Einen Teil wird sie für ihre Besetzung komponieren, einen Teil ich für die meinige und schließlich spielen beide Bands zusammen.

Du hast ja auch mit dem auf Elektronik spezialisierten Professor Ulrich Suesse, der mal bei Karlheinz Stockhausen gelernt hat, zusammen gearbeitet…

Ja, wir haben die Komposition „Ein Traum von wunderbarem Leben“ für das Deutsche Literaturarchiv geschrieben. Also Texte von Mörike und eine Musik, die sich zwischen zeitgenössischem Jazz und Elektronik bewegt. Eine spannende Mischung, die ja ebenfalls dieses Jahr auf CD erschienen ist.

Wie würdest Du Deine solistische Klaviermusik charakterisieren?

Bei meinen Solokonzerten mache ich immer eine „Wanderung“ durch die Welt. Jazz – Tango – Rumba – Südafrikanisches – Russisches – Indisches und natürlich europäische Einflüsse bestimmen den Weg. Es ist meine Aufgabe in diesen Konzerten einen gemeinsamen Weg mit dem Publikum zu gehen, bzw. all diese verschiedenen Elemente mit meiner eigenen Instrumentalpersönlichkeit so zu füllen, dass dies Sinn und Bogen ergibt.

Hast Du auf diesem Instrument spezielle Vorbilder?

Nein, es gibt unendlich viele großartige Musiker, die mir Inspiration sind. Welches Instrument sie spielen, ist dabei unwichtig. 

Du hast mir gesagt, dass Dir John Lewis und das Modern Jazz Quartet überhaupt nicht behagen. Warum?

„Gefallen-Wollen“ als künstlerischen Ansatz zu definieren, halte ich für fragwürdig. Aber letztlich wollen wir alle gefallen und geliebt werden. Vielleicht unterschätze ich das MJQ oder aber auch die Prägung durch ihre Herkunft.

Bei den Stuttgarter Theaterhaus-Jazztagen 2004 hättest Du ursprünglich ein Duo mit Wolfgang Dauner spielen sollen. Wie stehst Du zu ihm, und warum hat es mit dem gemeinsamen Auftritt nicht geklappt?

Er ist am Abend vor dem Auftritt erkrankt. Ich musste allerdings in der Vorbereitungszeit zu diesem Konzert alleine üben, da wir uns bis zum letzten Tag weder kennen gelernt noch zusammen geprobt hatten. Daher war es mir ein Leichtes, Solo zu spielen: Und letztlich war das dann wohl auch ehrlicher. Wie ich zu ihm stehe? – Ich habe ihn ja nie kennen lernen dürfen. Die Frage kann ich daher nicht beantworten.

Was hat Dir der Landesjazzpreis gebracht?

Erfolg macht sexy, wie Du siehst… Spaß beiseite! Ich habe damals eine neue CD gemacht, habe Kontakte zum SWR geknüpft usw. Es war sehr hilfreich.

Wie sehen Deine künstlerischen Zukunftspläne aus?

Ich spiele seit sieben Jahren mit Michel und Herbert zusammen, noch länger mit Frank – da ist noch eine Menge Potential nicht ausgeschöpft und eine Vielzahl von interessanten Musikern noch nicht involviert. Aber ich habe gelernt, nicht allzu sehr zu planen und diesen Plänen nicht zu verbissen nachzuhängen. Jetzt steht erst einmal Bachs Kunst der Fuge im Raum und dann… schauen wir mal…

CDs: (Auswahl)
Pantheon, dml-records, Fenn Music
Ein Traum von wunderbarem Leben, dml-records, Fenn Music
The Beauty Of Darkness, dml-records, Fenn Music
You Never Lose An Island, dml-records, Fenn Music
Passion, dml-records, Fenn Music

(November 2007)

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