Meisterkonzert mit Julie Spencer und Gernot Blume in Bingen, 20. März 2010

Julie Spencer greift die vier Schlegel, baut mit ständig wiederholten Melodiefragmenten einen Spannungsbogen, löst ihn auf, um mit weiteren Ostinati sogleich den nächsten zu konstruieren. Dabei stuft sie die Binnenstruktur mal fein, dann wieder etwas härter dynamisch ab. Stakkati in den höheren Lagen unterlegt sie mit einem warmen Grundakkord. Die vier Schlegel in den beiden Händen der Künstlerin scheinen sich voneinander völlig unabhängig über dem Marimbaphon zu bewegen. Mal flirrend wie die Sonne im angebrochenen Frühling, plätschernd wie ein Bach oder rauschend wie ein Wasserfall – so auch der Titel einer Komposition dieses Meisterkonzertes in der Binger „Villa Sachsen“ – strömen Töne und Akkorde durch den Raum. 

Mit weit gespreizten Schlegeln kann die Künstlerin in den hohen Lagen bis zu zwei Oktavspannen anschlagen, was sie in ihren Kompositionen ebenso nutzt wie die Möglichkeiten, die die nachschwingenden Holzplatten mit Obertönen bieten. Die in Bingen lebende Amerikanerin hat ihren Personalstil, der die Stevens –Technik ausweitet, so virtuos entwickelt, dass er 2003 gar Gegenstand einer Dissertation an einer amerikanischen Universität wurde.

Einfühlsam nimmt in den Duo-Stücken Gernot Blume am Flügel die kurzen Single-Note-Linien auf und führt sie in Variationen fort, greift kraftvolle Blockakkorde, wenn die Partnerin hart auf die Holzplättchen hämmert. Manchmal schwelgt er in den Tonfülle des Bösendorfer und lässt die Läufe aus den Tasten perlen, um an anderer Stelle mit sparsamen Akkordeinwürfen das Marimbaphonspiel zu ergänzen. Besonders reizvoll sind in den sensiblen Interaktionen die Unisono-Passagen sowie Ruf-Antwort-Spiele, aber auch die schwebenden Klangwirbel auf den Hölzern. Zuweilen wechseln die beiden Künstler die Rollen. Dann erwidert Spencer die kraftvollen und hart angeschlagenen Läufe des Pianisten mit knappen Rhythmusfiguren auf dem Marimbaphon. Aber immer wieder nutzt das Trio Tempo- und Dynamiksprünge zur Intensitätssteigerung. In „Tribeca Sunflower“ nimmt Julie Spencer spezielle Schlegel aus gebündelten Stäbchen, die die Töne aufgeraut erklingen lassen. Wenn sie dann besonders hart anschlägt, klingen die Hölzer fast metallen.

Aus der Feder Blumes stammt eines der schönsten Stücke aus dem Repertoire des Duos, die Komposition „Dances“. Die pulsierende Melodie in Anlehnung an indische Ragas und mit der anheimelnden Stimmung südosteuropäischer Folklore setzt sich wie ein Ohrwurm in den Gehörgängen fest. Gänzlich anders ist „Soulhouse Speak“, eine Solo-Komposition von Julie Spencer. Mit einer Reihe akzentuierter Akkordschläge nähert sich dieses percussive Stück fast dem freien Jazz. Kurze Single-Note-Trauben in schnellen Läufen, dann wieder gleichsam suchende tastendes Spiel, zeigen die stilistische Bandbreite, die eine Kategorisierung dieser Musik verbietet. Abendländische Tradition, Folklore, fernöstliche Klassik, Blues und Jazz verbinden sich in dieser originären Musik, die zuweilen vehement swingt.

Mit dem Worldmusic Cross-Over Ensemble „Asavari“ hat das Ehepaar Spencer/Blume außergewöhnliche Klangfarben von der Mongolei über Indien bis Amerika verschmolzen. Die Musikfachzeitschrift „JazzIz“ stufte Julie Spencer in die Riege der weltbesten Marimbaphonspieler ein. Die beiden Künstler belegen, dass Innovationen vor allem in den Grenzbereichen des Jazz zu entdecken sind.