LBBW-Jazzopen Stuttgart 2005

Lynne ArrialeStuttgart. – Der eigentliche Jazz begann bei den diesjährigen Jazzopen überdacht in der Liederhalle. Doch selbst der kleine Mozartsaal mit seinen sechshundert Sitzplätzen konnte nicht gefüllt werden bei einem Programm, das auf einen ganz großen Knüller verzichtete. Immerhin war das Fernsehen mit von der Partie und mag später bei den Ausstrahlungen der Mitschnitte ein größeres Publikum bedienen.

Mit großen Vorschusslorbeeren wurde Lynne Arriale geschmückt. Doch die aus New York stammende Pianistin bewegte sich weitgehend behutsam in gängigen Konventionen. Die angebliche Goldfinger-Dame greift zupackend und gerne vollgriffig in die 88 Tasten und ist bekanntlich berühmt dafür, dass sie Evergreens beispielsweise von Gershwin oder Bernstein mit reizvollen harmonischen Wendungen erweitert. 

Doch so risikofreudig wie ihr Instrumentalkollege Joachim Kühn, der sich nun vermehrt Pop-Gassenhauern annimmt, ist Lynne Arriale nicht. So kleidete sie bei ihrem eineinhalbstündigen Auftritt in Stuttgart den Hit „Blackbird“ der Beatles in schmissige Calypso-Rhythmen. Ihre Eigenkompositionen „Arise“ und „A Gentle Solo“ gaben sich allesamt choralhaft und in folkloristischerTerence BlanchardSchlichtheit. Wohl zu perfekt eingespielt ist sie mit den zwei Mann der Rhythmusgruppe, als da kreative Reibungen entstehen könnten. Mike McGuirk ersetzte jetzt adäquat ihren langjährigen Kontrabassisten Jay Anderson, und differenziert und sehr dicht (aber nie zu laut) agierte auch Steve Davis am Schlagzeug. 

Eventuelle Ermüdungserscheinungen bei der Zuhörerschaft verflossen flugs, als Terence Blanchard mit seinem Sextett zur Performance ansetzte. Der einstige Art-Blakey-Zögling erinnert nun an die magischen und mystischen Events von Miles Davis, wenn er mit seiner drahtlos verstärkten Trompete über die Bühne huscht und elektronifizierten Klangzauber loslässt. 

Als bläserischer Gegenpart fungierte Brice Winston am Tenor- und Sopransaxofon, und mit dem jungen Pianisten Aaron Parks hat er ein wahres Talent entdeckt. Der aus Benin stammende Gitarrist Lionel Loueke zog erst recht als Vokalist eine afrikanische Show ab – mittels Vocoder zelebrierte er da alleine einen eindringlichen Chorgesang. Nicht weniger solistisch profilierten sich Bassist Derrick Hodge und Drummer Kendrick Scott. Inmitten kraftmeierischer Intensität lugten dabei immer wieder lyrische Momente mit laszivem Swing und erdigem Blues hervor.

Die Freiluftveranstaltung am Freitag hätte ja schlimm ausgehen können. Doch von einem stürmischen Gewitter und vor durchweg lauer Wischiwaschi-Musik blieben die Jazzopen am Pariser Platz schließlich verschont. Zwischen den Glasfassaden der sponsernden LBBW-Bank blieb der kleinen Jazzgemeinde (1600 verkaufte Karten) genügend Platz. Zwei junge deutsche Formationen bildeten die Vorhut für den amerikanischen Gitarren-Gott Al Di Meola und dessen russischen Genossen Leonid Agutin. Eigentlich sollte es nicht zu spät und zu laut werden, um den empfindsamen Bewohnern des nahen Killesbergs nicht den ruhigen Schlaf zu rauben.

Unaufdringlich und sachlich präsentierte der Nürnberger Schlagwerker Wolfgang Haffner sein Quintett, das aktuellen Jazz organisch mit dezenter Elektronik verbindet. Tenorsaxofonist Johannes Enders lotete da auch auf natürliche Weise Obertöne und Harmonics aus, und der Trompeter Sebastian Studnitzky war vor allem mit Sounds am Keyboard aktiv. Eher zaghaft als aufbrausend agierten auch der Bassist Christian Diener und der einheimische Gitarrist Frank Kuruc.

Till Brönner, allseits gefeierter Trompeten-Sunny-Boy, ließ seinen berüchtigten Schnickschnack um die „No Angels“, die Knef und Kermit vergessen und präsentierte sich nüchtern als purer Instrumentalist. Keine billige Mätzchen, sondern solid-seriöse Hard-Bop-Tradition, wobei der Berliner Saxofonist Mark Wyand durch rotzige Soli angenehm auffiel. 

Eigentlich hätte zunächst der Moskauer Sänger Leonid Agutin auftreten und dann der US-Star Al Di Meola hinzustoßen sollen. Doch aus dem persönlich durchgeführten Sound-Check des sich gutgelaunt gebenden Gitarren-Virtuosen wurde improvisatorisch und unvermittelt ein ad-hoc-Konzert seines Quintetts mit dem hervorragenden kubanischen Bassisten Victor Miranda Rodriguez. Da ging es insgesamt doch noch vehement und rasant zur Sache.

Wer bei der gemeinsamen Agutin-Meola-CD „Cosmopolitan Life“ schon hineingehört und sich den dazugehörigen Video-Clip angetan hatte, war schon schmerzlich vorgewarnt worden: Ein populistischer Schlagerschmalz auf Afro-Latin-Masche. Da gibt sich „Lenny“ Agutin mit angerauter Stimme voll westlich, und wird noch von einem vielköpfigen russisch-georgischen Backgroundchor unterstützt. Wohl willkommene Kultur-Dekadenz für Moskaus Neureiche, jedoch total fehlplaziert für ein Jazz-Festival. Russland (samt den restlichen Nachfolgestaaten der Sowjetunion) konnte und kann wirklich mit besserer Musik aufwarten. Bemerkenswert am Rande: So wie beim weltweit geschätzten avantgardistischen Ganelin-Trio, das sich in Vilnius formiert hatte, spielte auch hier der Tango eine wesentliche Rolle.

Agutin

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Disco-Gedröhne und Liebesliedchen zum Finale im Mozartsaal

Mit dem sportiven „CCCP“-Signet der verblichenen UdSSR auf seinem kommunistisch-roten Hemd trat hingegen beim „Jazzopen“-Finale im Mozartsaal der Afroamerikaner Roy Hargrove an. Nichts mit Bop-Historismus hatte nun der Trompeter am (fidelen Cuba-Sommer-)Hut. Nach einem verheißungsvollen Start, rutschte er mit seinem Nontett in fortwährendes Disco-Gedröhne ab. Zuviel der Liebesliedchen, primär vorgetragen von der auch als Keyboarderin tätigen Rene Neufville. Zuviel auch der ständigen Mitklatsch-Anmache. Trotz alledem: das Auditorium reagierte begeistert, und Hargrove durfte beim imaginären „trumpet battle“ dieser LBBW-Jazzopen als strahlender Sieger hervorgehen.

In puncto innovativem Jazz brachten die 2005 die Hauptkonzerte der Jazzopen so wenig wie nie zuvor. Da ist es schon eigenartig, dass dem 72-jährigen Soul-Guru James Brown, der zuvor als die publikumswirksamste Attraktion galt, immerhin allgemeine Anerkennung zuteil wurde. Immerhin kamen auf diversen kleineren Nebenschauplätzen auch die lokalen Jazzschaffenden swingend zum Zuge.

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