Jubel für die Alten: Sonny Rollins und Erwin Lehn

Sonny Rollins 

Da der nahe des Hauptbahnhofs gelegene Pariser Platz derzeit wegen „Stuttgart 21“ beträchtlicher Baumaßnahmen unterzogen wird, mussten die Organisatoren des Jazzopen-Festivals eine neue Stätte für die obligatorischen Großveranstaltungen suchen. Nachdem es mit dem innerstädtischen Schlossplatz nicht geklappt hatte, zog man schließlich in die neue Messe am Flughafen. Hier entstehen zwar unter Dach mit den sommerlichen Wetterunbilden keine Probleme, doch das Ambiente ist denkbar trostlos. Da sehnten sich die viel gescholtenen Jazzpuristen doch in die innerstädtische Liederhalle zurück, wo die Nachfolgereihe des „Jazzgipfels“ einst zeitlich und räumlich kompakt abgehalten wurde. Auch 2009 fanden weitere Events der Jazzopen wieder in der Open-Air-Bühne des Mercedes-Benz-Museums und im BIX-Jazzclub statt. Doch selbst Pop-Biz-Mega-Stars wie das 007-Girl Grace Jones bescherte trotz heftiger Werbung den Festival-Machern keine volle Messehalle. Die Besucher strömten jedoch erneut zum Dauergast Katie Melua, der in Georgien geborenen Sängerin. Mit jeweils knapp tausend Gästen mussten sich die zwei Jazzabende in der Halle 1 zufrieden geben.

Nach eigenem Bekunden ist Sonny Rollins „der Letzte der ersten Garde des Jazz“. An Selbstvertrauen hat es dem am 7. September 1930 in New York als Sohn karibischer Immigranten geborenem Künstler nie gefehlt, titelte der Tenorist doch schon als Twen eine LP mit „Saxophone Colossus“. Mittlerweile kann sich der Zwei-Meter-Hüne auf der Bühne nur noch in gebückter Haltung bewegen und kommt etwas außer Atem, doch der 78-Jährige glänzte bei seinem Konzert in der Messehalle 1 anlässlich der Jazzopen Stuttgart mit unbändigem Spielwillen. Immer wieder hatte Theodore Walter „Sonny“ Rollins betont, jeder Tag könne der letzte sein, deshalb wolle er bei jedem Auftritt sein Bestes geben. Der Altmeister ist sich immerhin nicht zu schade, höchstpersönlich den gemeinsamen Soundcheck durchzuführen.

In Stuttgart war Sonny Rollins zuletzt im Frühjahr 2001 zu hören. Sein Neffe Clifton Anders bläst nun viel forscher in die Posaune, vehementer bediente jetzt Bob Cranshaw seine fünfsaitige Bassgitarre. Auch die neueren Mitglieder des Sextetts profilierten sich durch abgestimmtes Ensemblespiel und herausragende Soli, so der Gitarrist Bobby Broom mit seinen plastischen „horn lines“ und die beiden hitzigen Schlagwerker Kobie Watkins und Victor Y. See Yuen. Wie einst Miles Davis, so näherte sich der drahtlos verstärkte Rollins seinen Kollegen, um bei der musikalischen Interaktion auch räumlich ganz eng mit ihnen verbunden zu sein.

Seine vielfach gecoverte Komposition „St. Thomas“ zelebrierte Sonny Rollins trotz erneuter „standing ovations“ auch heuer nicht, aber den lebenslustigen und rhythmisch kantigen Calypso-Hit „Don’t Stop The Carnival“ intonierte er röhrend und inbrünstig. Die Zitatenklauberei aus Klassik und Nationalhymnen gehört bei dem Tenorsaxofonisten zur Routine. Gefällige Standards mischt er leidenschaftlich, kratzbürstig und zugleich beseelt mächtig auf. 

Verwunderung und Erstaunen beim deutschen Publikum löste der weißhaarige Afroamerikaner aus, als er Friedrich Hollaenders „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ anspielte. Rollins geradezu als bluesiger Engel, ohne Kitsch-Unrat, vielmehr mit professoraler Qualität….

Erwin Lehn 

Das Fernsehen zeichnete drei Tage später die „Lange Jazznacht“. Im Mittelpunkt stand da die Ehrung für den nun 90-jährigen Erwin Lehn, der am 1. April 1951 beim damaligen Süddeutschen Rundfunk eine Big Band aufbaute (Link: http://www.jazzpages.com/kumpf/lehn_80_300599.htm). Vom gefühlsduseligen Schlager bis zum ambitionierten Third-Stream hatte Lehn für das Radio eine gewaltige musikalische Bandbreite abzudecken. Bei seiner vier Jahrzehnte am Stuttgarter Sender währenden Jazzarbeit dominierten stets Kultiviertheit und Disziplin. Und heutzutage wird immer wieder daran erinnert, dass Erwin Lehn dort mit Stars wie Miles Davis und Chet Baker zusammenarbeitete.

Nun wartete das Nachfolge-Orchester, die von den beiden Trompetern Rudi Reindl und Karl Farrent geschäftsführend geleitete „SWR Big Band“, mit frischen Arrangements auf. Für die Oliver-Nelson-Nummer „Strike Up The Band“ übernahm der greise aber musikantisch rüstige Lehn kurz das Dirigat von Klaus Wagenleiter. Herzlichster Dankapplaus des gerührten Publikums. Helen Schneider, früher Rock- und Musical-Star, kam jetzt auch im Jazz-Metier zurecht, wobei sie freilich nicht improvisatorisch tätig werden konnte. Gema-Tantiemen für Erwin Lehn wurden fällig, als sie den in den 50er Jahren für Bully Buhlan komponierten Schlager-Foxtrot „Gib mir einen Kuß durch’s Telefon!“ relativ schmalzfrei anstimmte. Als Posaunensatz-Mitglied und zuverlässiger Solist des ehemaligen Lehn-Orchesters kam jetzt gastweise der Amerikaner Joe Gallardo nach Stuttgart, um seinem Bandleader jazzig zu huldigen. Der Stuttgarter Pianist Wolfgang Dauner ließ wieder einmal seinen Steinbock wendig kreisen und führte als Solist mit der Big Band seine aus den 60er Jahren stammende rhythmisch akzentuierte (ohrwurmige) Komposition „Sketch Up And Downer“ auf. Innerhalb der Big Band stachen neutönerisch solistisch besonders der Trompeter Karl Farrent, der langjährige Gitarrist Klaus-Peter Schöpfer und der neue Bassist Decebal Badila heraus. 

Eingeleitet wurde der Abend durch das Quartett des Saxofonisten Chris Potter. Geradezu stoisch ruhig steht der Weiße aus Chicago da und bläst fulminant wie die Schwarzen John Coltrane und Sonny Rollins. Alles handwerklich gut, aber ohne Faszinosum. Ein Oldie in der Jazz-Szene ist mittlerweile McCoy Tyner. Aber auch mit 70 Jahren ist der Pianist noch stets offen für neue Herausforderungen, keineswegs in Trio-Routine erstarrend. So brachte er neben dem Bassisten Gerald Cannon und dem Schlagzeuger Eric Kamau-Gravatt, der sich seine Brötchen lange als Gefängnisaufseher verdiente, noch als Gastsolisten Bill Frisell (Gitarre) und Gary Bartz (Altsaxofon) mit. Doch von Anfang an harmonierten alle miteinander als stimmiges und wach kommunizierendes Quintett.

Das 3sat-Fernsehen strahlt am 15. August ab 4.00 Uhr den Mitschnitt des Chris-Potter-Auftritts aus. Am 22. August erfolgt ab 2.25 Uhr die Wiedergabe der Beiträge von McCoy Tyner und der Hommage an Erwin Lehn.

An kleineren Schauplätzen wurde baden-württembergischer Jazz-Nachwuchs präsentiert. Vom Wettbewerb „Jugend jazzt“ oder vom Landes-Jugendjazzorchester waren so bereits bekannt die Pianistin Olivia Trummer, der Bassist Benjamin Jud, der Pianist Konrad Hinsken, der Saxofonist Nils Fischer, der Trompeter Udri Stephan, die Saxofonistin Kati Brien und der Pianist Tobias Becker. Heuer lauschten diese noch den Stars von heute, vielleicht sind sie selbst alsbald die Stars von morgen…

Sonny Rollins

Sonny Rollins

Erwin Lehn SWR Big Band

Gary Bartz

Bill Frisell

Joe Gallardo

Chris Potter

Helen Schneider – Wagenleiter

McCoy Tyner

Sonny Rollins, Chateauvallon Festival, 1973