Joachim Kühn in der Jazzfabrik Rüsselsheim, 1. Oktober 2004

Überfallartig schleudert Joachim Kühn das Motiv hinaus. Ein paar ostinate Akkordgriffe mit der Basshand, dazu perlende Melodiefragmente mit der Rechten. Und immer wieder der spannungsbildende Wechsel zwischen rhythmisch treibenden Passagen und dazwischen geschobenen retardierenden Free-Blöcke. Die zweite Zugabe im Konzert der Rüsselsheimer Jazzfabrik reizt der Pianist mit jener wuchtigen Energie aus, die in starkem Kontrast zu seiner fließenden und von deutscher Romantik sowie französischem Impressionismus inspirierten Melodik steht. „More Lines“, seine erste Zugabe mit den Piano-Repetitionen und Variationen sowie dem groovenden Schlagzeug von Wolfgang Reisinger und den erdigen, harmonisch reizvollen Bass-Läufen, ist jene Art von Musik, die wie afrikanische Hymnik in Trance versetzen kann.

Begonnen hatte das Konzert mit einer lyrischen, verspielt wirkenden Single-Note-Linie auf dem Piano, einer verzierenden Bass-Begleitung von Jean-Paul Celea und einem percussiven Spiel Wolfgang Reisingers auf den Becken. Die sanften romantischen Piano-Läufe von „Salinas“ münden ein einen kraftvollen Akkordgriff. Eine Folge von komplexen Harmonien auf dem Bass wird von einem flexibel reagierenden Schlagzeug begleitet,  bevor das Trio in ein groovendes Kollektiv verfällt, das von einem frei pulsierenden Drum-Solo und einigen Free-Cluster auf dem Flügel abgelöst wird. In“Meetings“ kommt es zu einem Zwiegespräch zwischen melodisch getrommelten Toms und einem percussiv slappenden und geklopften Kontrabass. Und immer wieder eingefügte swingende Piano-Passagen mit romantischen Stimmungen.

Joachim Kühn protzt nicht mit seiner phantastischen Technik, doch sie lässt ihm auch  in rasenden Läufen die Freiheit zu dynamisch differenziertem Anschlag. Die rhythmische Begleitung der linken Hand und die artistischen Arpeggien sowie kurzen Melodieläufe mit Trillern der rechten fügen sich nahtlos zusammen. Und so sitzt der Pianist tief gebeugt über den Tasten, wirft den Kopf vor und zurück, geht ganz in seinem Spiel auf, das ein vollkommen emotionales Sich-Verausgaben ist und das auch so den Zuhörer mitreißt.

Zweimal an diesem Abend greift Kühn zum Altsaxophon: Das erste Mal beschwört er nach einem erdigen und melodischen Bass-Solo mit sonoren und balladesken Melodien eine sakrale Stimmung, im zweiten bläst und überbläst er in Sheets-Stakkati die Hardbop-Tradition, lässt das Instrument in aufgerauten tiefen Lagen schreien und in High-Notes quietschen. Dazu liefert Reisinger das passende treibende Schlagzeug-Solo, während sich Bassist Celea eher minimalistisch in Klangfarben zurückhält. Den 60. Geburtstag hat Joachim Kühn in diesem Jahr gefeiert. Doch noch immer versprüht er ungeheure Energie und Intensität. Seine Mitmusiker gehen darauf ein, das Trio wächst zu einem perfekt kommunizierenden Klangkörper zusammen. „Höhenrausch“ ist der bezeichnende Titel des vierten Stückes in diesem bemerkenswerten Konzert.

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