Jazzpages Jazz News 200523

Die meisten Jazzfestivals in diesem Festivaljahr 2020 mussten wegen Corona entweder sang- und klanglos abgesagt werden oder wurden verschoben, nicht selten einfach mit dem gleichen Line-up ins kommende Jahr. Immerhin ein Silberstreif am Horizont für die betroffenen Künstler. Getrotzt wird der Corona-Situation gelegentlich mit Streaming, und das spektakulärste Livestreaming-Event wagt an Pfingsten das Moers Festival.

Moers Festival

Es war klar, dass viele der internationalen Künstler absagen werden. Ein Großteil davon wegen der Reisebeschränkungen, andere aus grundsätzlichen Erwägungen. Auch die „Artist in Residence“, Schlagzeugerin Maria Portugal aus Brasilien ist davon betroffen – ihre Formation Quartabê kann nicht in Moers auftreten. Gut für diejenigen, die damit den vermutlich einzigen Auftritt der Band in Deutschland in diesem Jahr schon beim Just Music Festival erleben konnten. Maria Portugal ist aber eh schon im Lande, also vor Ort, und macht das Beste daraus. Neu gewonnene Kontakte ermöglichen großartig improvisierte Improvisationsensembles. Beweis? In Moers tritt sie bei einem ihrer Konzerte mit Filipe Nader (as), Angelika Niescier (as), Moritz Wesp (tb), Carl Ludwig Hübsch (tb), und Reza Askari (b) auf.

Maria Portugal - Photo: Schindelbeck
Maria Portugal @ Just Music Festival Wiesbaden

Ja, das Programm wird etwas europäischer und deutscher – aber keine Sorge: provinzieller wird es damit nicht. Wie auch, wenn man sich diese Jazzszene in den vergangenen Jahren anschaut: mit Musikerinnen wie Silke Eberhard, Angelika Niescier, Laia Genç oder auch Theresia Philipp, letztere soeben mit dem Horst und Gretl Will Stipendium in Köln bedacht. Auf den Frauenanteil ist man in diesem Jahr in Moers bedacht, und natürlich darf ein entsprechendes Diskussionspanel im Programm nicht fehlen…

Trotzdem dürfen noch einige reine Männerbands mitspielen: „Grünen“, mit Lillinger, Landfermann und Achim Kaufmann beispielsweise, oder „TAU“ mit Philipp Gropper (ts, ss), Philip Zoubek (synth), Petter Eldh (eb, kb, elec), Moritz Baumgärtner (dr), Ludwig Wandinger (elec, live processing).

Ü‑80 Jazzurgestein Gunter Hampel ist ebenso auf der Moerser Bühne, wie „The Notwist“. Die deutschen Musiker kommen zu einem guten Teil aus Berlin und Köln, aus Österreich beehrt unter einigen anderen Wolfgang Puschnig das Festival. Durchaus großorchestral wird es mit dem „Niels Klein Trio & EOS Kammerorchester“, geleitet von Susanne Blumenthal. Und: „The Dorf“ ist am Start und deren Leiter, Jan Klare, kuratiert auch die Sessions. André O. Möller gibt mit dem “Ensemble Just Systemrelevant” eine politisch korrekte Botschaft mit auf den Weg. Das komplette Programm – es wird alles gestreamt, hoffentlich auch die Sessions (?) – findet sich mit zeitlichem Ablauf auf der Moers Festival Website. Miss Unimoers führt durchs Programm.

Sarah Lipfert - Ella & Louis - Photo: Schindelbeck
Sarah Lipfert im Ella & Louis Mannheim

Langsam, ganz langsam, gibt es Konzepte das Publikum wieder in die Jazzclubs zu bringen. So richtig, auf eigenen Füßen und nicht mehr nur per Livestream. Mit ordentlich Abstand sowieso, mache mit zwei Sets am Abend, um das Ganze wirtschaftlich betreiben zu können. So schreibt Thomas Siffling, Betreiber des Mannheimer Jazzclubs Ella & Louis: „Auf Grund der nun deutlich geringeren Kapazität und der trotzdem erforderlichen Wirtschaftlichkeit, haben wir uns für eine Lösung mit 2 Konzerten pro Abend mit wechselndem Publikum entschlossen. Wir sind guter Dinge, dass unser Publikum diese Situation annehmen wird.“. Das erste Konzert dort findet am 5. Juni 2020 statt.

Plexiglasscheiben im Publikum sind glücklicherweise noch nirgends angesagt. Für Jazzfotografen wird auch der Blick aus Richtung der Bühne interessant, und dank Vermummung werden auch der notorischen „ich will aber auf keinen Fall im Bild erscheinen“-Fraktion die Argumente ausgehen.

Kürzlich erst hatte die hr-Bigband ihr komplette Konzertsaison für das Jahr 2020 abgesagt, aber natürlich lassen sich die Musiker nicht für den Rest des Jahres einsperren. Sie sind ohne Livepublikum aktiv und haben die Reihe Stage@Seven ins Leben gerufen. Montags bis Freitags wird ab 19 Uhr live gestreamt, im Wechsel mit dem hr-Sinfonieorchester Frankfurt. Die hr-Bigband darf jetzt auch wieder in voller Besetzung auftreten, musste sich aber eine neue Anordnung der Musiker ausdenken, um den aktuellen Coronaregularien zu entsprechen. „Herausgekommen ist eine fast kreisförmige Aufstellung der Bläsersätze, die sich um das Schlagzeug gruppieren“, erklärt hr-Musikchef Michael Traub, „auch der Dirigent steht in der Mitte. Wir sind alle gespannt, wie sich dieses Setting anfühlt.“

John Scofield / Film Still „Inside Scofield”

Wer eine schön wilde Jazzplatte hören möchte, der beschaffe sich ASAP den Livemitschnitt des George Adams / Don Pullen Quartetts mit ihrem Gast John Scofield an der Gitarre „Live at Montmartre“. Von der damaligen Band leben leider nur noch zwei Musiker: Bassist Cameron Brown und der damalige Gast John Scofield. Warum wird’s erwähnt? Am 26. Mai wird offiziell die Kickstarter Kampagne zu einem Dokumentarfilm des Filmemachers Joerg Steineck über John Scofield auf den Weg gebracht. Der Titel des Werks ist bereits bekannt: „Inside Scofield”, der Trailer macht Lust auf den fertigen Film. Viel Erfolg!

Auch aus dem MOODS in Zürich wird gestreamt. Der „ZüriStream“ läuft in den kommenden Wochen immer am Donnerstag und Sonntag, ab 20.00 Uhr. Die Live-Konzerte von Zürcher Musikerinnen und Musikern werden auf moods.digital und auf Facebook gesendet.

Deutsche Jazzunion Logo

Nach wie vor schießen viele der Unterstützungsmaßnahmen seitens der Politik an den freiberuflichen Musikern weit vorbei. Erste Soforthilfen kamen dort nur tröpfchenweise an, weil ehrliche Musiker „Betriebskosten“ kaum haben, und entsprechend auch nicht belegen konnten. Dann werden in Bayern Hilfen für Künstler nachgeschoben, mit denen auch private Kosten bestritten werden dürfen. Erste Frage im Onlinefragebogen dazu: „Haben Sie schon Soforthilfe in Anspruch genommen?“ „Ja.“ „Dann sind Sie für diese Hilfe nicht berechtigt“. Der direkte Weg in die Grundsicherung für viele Künstler scheint vorgezeichnet. Nikolaus Neuser von der Deutschen Jazzunion, der Organisation der Jazzmusiker aus Deutschland, ist zurecht alarmistisch: „Die Bundesregierung muss dringend handeln, bevor irreparabler Schaden für uns alle entsteht!“. Bundes- und Landesverbände aus den Bereichen Musik und Darstellende Kunst haben einen gemeinsamen Appell (PDF) an die Bundesregierung gerichtet. Eine aktuelle Übersicht zum Thema Corona und Jazzmusik findet sich auf der Seite der Deutschen Jazzunion.

Dazu auch ein Interview mit Nikolaus Neuser beim Radio F.R.E.I. in Erfurt (Danke für den Hinweis an Peter R‑S)

Die Jazznews der Jazzpages sind kurze Hinweise und Meldungen zu Jazz, Musik und Allem drumherum, die bei den Jazzpages eintrudeln und einen größeren Kreis von Interessenten ansprechen könnten. Wir freuen uns über entsprechende Jazz-Kurznachrichten an jazz@jazzpages.com.

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