JazzOpen Stuttgart 2002

Für Jazz-Puristen blieb zumindest der Eröffnungstag des bedeutenden Stuttgarter Sommerfestivals ziemlich uninteressant. Da trug es gleich zu Beginn „Slim Man“, ein aus Maryland stammender und Bassgitarre zupfender Sänger mit großem Tonumfang, mit seinem Kommerz-Star-Gehabe zu dick auf. Im Hegelsaal des Kultur- und Kongresszentrums Liederhalle trällerte er Liedchen von „Love and Happiness“, und ein Großteil des Publikums gefiel sich im stupiden Mitklatschen. Gleichfalls nach vorgefertigten Mustern verfuhr Michael Lington, ein Däne in den USA, auf seinem Altsaxofon – eine abgekartete Intensität. Mehr Individualität verströmte nach mehr als einer Stunde der Kopf dieser Band: Randy Crawford. Nach wie vor besticht die prominente Lady durch mädchenhaftes Timbre und herzliches Vibrato. Im stets gleichartigen Tempo trug sie seelenvolle Pop-Balladen in eigener und fremder Sache vor, beispielsweise „Streetlife“, „What A Difference A Day Makes“ sowie „Knocking on Heaven’s Door“. Kreative Scat-Improvisationen? Fehlanzeige.

Ganz ähnlich im Stimmenklang ging es „open air“ mit der 28-jährigen Vokalistin Joy Denalane – viel zu lange – weiter. Die Tochter eines Südafrikaners und einer Berlinerin hätte eher auf eine gehobenere Pop-Veranstaltung als auf ein ambitioniertes Jazz-Festival gepasst. Und da konnten auch der Gitarrist Frank Kuruc und der flötende Trompeter Sebastian Studnitzky nicht mehr und Besseres ausrichten.

Erst nach Mitternacht kam im Innenhof des riesigen Bürokomplexes der Landesbank Baden-Württemberg, die als Hauptsponsor von „JazzOpen“ fungiert, der unverwüstliche Klaus Doldinger (Jahrgang 1936) zum Zuge. Der erfolgreiche Filmkomponist bringt am Instrument nach wie vor freudig vollen Einsatz und bläst kraftvoll ins Tenorsaxofon. Bei seinem „Passport RMX“ benannten Neun-Mann-Ensemble schließt er sich glaubwürdig dem HipHop-Zeitgeist an und lässt den quirligen „Tab Two“-Trompeter Joo Kraus und DJ Heli mitspielen.

Bei den beiden Samstagkonzerten schnitt die Produktionsfirma EuroArts für das SWR-Fernsehen und eine DVD-Veröffentlichung mit. Absolute Highlights waren hier jedoch nicht zu verzeichnen und aufzuzeichnen. Fünf Pianisten präsentierten sich solo und letztendlich im kollektiven Zusammenspiel zu zehn Händen an zwei Flügeln. Junior Mance war der Senior der Tastenvirtuosen: fester Swing, ein nettes „Georgia On My Mind“, listiges und lustiges „Fingerhakerln“ als Tremolo auf dem selben Ton. Minimalistische und folkloristische Klanggefilde entwarf der Brite Alex Wilson, eher blass blieben die beiden weißen Amerikaner Jeoff Keezer und Bill Charlap. Subtile Raffinesse entwickelte dagegen Jacky Terrasson, Sohn eines Franzosen und einer Afroamerikanerin, besonders wie er „Over The Rainbow“ rhythmisch, melodisch und harmonisch sezierte.

Ganz anders der Judy-Garland-Evergreen bei Nana Mouskouri: Nach vertrauter Art eine Schmalz triefende Schnulze. Festival-Macherin Elke Balzer ist mit der Schlagersängerin seit zehn Jahren befreundet, und der griechische Weltstar wollte „JazzOpen“ tatkräftig unterstützen. 1999 tat Nana Mouskouri es mit einem von ihr finanziell geförderten Nachwuchswettbewerb, 2002 erinnerte sie (sich) an eine genau vierzig Jahre zuvor in den USA bewerkstelligte Jazzplatten-Produktion. Kein Geringerer als Quincy Jones agierte seinerzeit als Produzent.

Anstatt „Weiße Rosen aus Athen“ bringe die Griechin nun Jazz aus New York, frohlockten im Vorfeld die Massenmedien. Gewiss, für ein Jazz-Festival eine PR-wirksame Attraktion. Der 67-jährigen Künstlerin mit den schwarz erhaltenen langen Haaren und der charakteristischen Brille legten im Hegelsaal gepflegte Hausfrauen reiferen Alters dankend Rosen und andere floristische Gebinde zu Füßen.

Freilich: die vorab gepriesene Welturaufführung ging schief. Zwar hatte Nana Mouskouri in Interviews betont, sie beanspruche nicht das Signet der Jazzsängerin, zumal sie des Improvisierens nicht mächtig sei. Jetzt mangelte es der bescheiden auftretenden und sichtlich nervösen Vokalistin an den elementaren Voraussetzungen der Intonationsreinheit – hörte sie auf der Bühne etwa sich und die Band schlecht? Ihr ausgedehntes Vibrato und die opernhaft artikulierten Langtöne wirkten reichlich deplaziert. Das Gesuch der alten Dame, mal wieder Jazz-Standards zu interpretieren, darunter gerne Ellington-Titel, wurde „live“ also nicht von berauschendem Erfolg gekrönt. Keineswegs relaxt war die Mouskouri und man konnte als Alternative beispielsweise von eine Dee Dee Bridgewater träumen, die souverän ein Jazzorchester noch anspornt.

Umso mehr überzeugte die „Berlin Radio Big Band“, die aus dem Jazzorchester des „Radios im amerikanischen Sektor“ (RIAS) hervorgegangen ist. Unter der kompetenten Leitung des aus Konstanz stammenden und in Esslingen aufgewachsenen Pianisten Ralf Schmid spielten die Perfektionisten gewitzte Arrangements von einer an Gil Evans erinnernden Soundsensibilität. Der Beifall für die fulminanten Solisten übertönte vielfach den Gesang von Nana Mouskouri. Ein erfreuliches Wiedersehen und Wiederhören gab es mit etlichen „Schwaben“, die mittlerweile in der Bundeshauptstadt jazzen, nämlich mit dem versierten Trompeter Ingolf Burkhardt, dem kurzfristig verpflichteten Bassisten Markus Bodenseh und vor allem mit dem mexikanischen Posaunisten Joe Gallardo, der einst bei Erwin Lehn tätig war.

Kammermusikalisches und Sinfonisches offerierte der letzte Tag der „JazzOpen“. Wurde das Festival ohnehin auf drei Tage dezimiert, so erfolgten weitere Einsparmaßnahmen mit der Doppelverpflichtung von Künstlern. So präsentierten am Sonntagnachmittag der wendige Hannoveraner Pianist Jens Thomas zusammen mit dem beständigen Frankfurter Saxofonisten Christof Lauer zunächst gediegene Cover-Versionen von Sting-Kompositionen, insgesamt eine interessante Balance von Introvertiertheit und ekstatischen Momenten. Gleichfalls Kammermusikalisches entboten im zweiten Programmteil Gregor Hübner (Violine), sein Bruder Veit Hübner (Kontrabass) und der amerikanische Pianist Richie Beirach. Von romantisierender Gefühlswelt bis zum irisierenden Cluster – Crossover allenthalben. Der nimmermüde Altsaxofonist Charlie Mariano (78) sorgte als Gast letzten Endes für Seelentiefe und Altersweisheit.

Das Markenzeichen der JazzOpen bildeten in der Vergangenheit „Themenabende“, die Frank Zappa, Charlie Mariano und Joachim-Ernst Berendt gewidmet waren. Nun kristallisiert sich in Stuttgart ein einzigartiger Schwerpunkt heraus: Jazz und Sinfonik. Im vorigen Jahr kooperierte die Formation „Orbit-Experience“ (um den Trompeter Sebastian Studnitzky und den Drummer Florian Dauner) mit dem Stuttgarter Kammerorchester. Heuer wurde mit den Stuttgarter Philharmonikern sinfonisch aufgerüstet. Was vor geraumer Zeit noch heftige Debatten auslöste, gereicht heutzutage zur Selbstverständlichkeit. Nämlich, dass Musik und Musiker aus den Genres Klassik und Jazz durchaus zu harmonieren in der Lage sein können. Allerdings droht bei Streicher-Plüsch, fetten Blechbläsereien, süßlichem Holz und aufgemotztem Schlagwerk stets des Gefahr des Edel-Kitsches.

Beim „Opener“ demonstrierten die Stuttgarter Philharmoniker mit dem hervorragenden Gastdirigenten Bernd Ruf, dass in ihren Reihen jazzkundige Instrumentalisten sitzen. Die „Two Dance Episodes“ aus dem frühen Leonard-Bernstein-Musical „On The Town“, das einen turbulenten 24-stündigen New-York-Aufenthalt dreier lüsterner Matrosen beschreibt, gerieten furios. Erst recht dramatisch konstruierte Jens Thomas sein dem wichtigsten italienischen Filmkomponisten gewidmetes Opus „Morricone“:.Viel illustrative Musik samt „Sing mir das Lied vom Tod“, ergänzt mit Free-Eskapaden des Arrangeurs als Klaviersolist. Randy Brecker traktierte seine Trompete diesmal ohne elektronischen Firlefanz und überraschte mit (be-)stechender Schärfe und hoher Strahlkraft. Seine Stücke für Jazzmusiker und Sinfonieorchester konnten jedoch nicht durch Originalität bestechen, ähnlich ging es den mitgebrachten Stücken seines Bruders Michael Brecker, der ja als Saxofonist der Fusion-Szene bekannt ist. Hollywood-Klischees und Easy-Listening-Adaptionen waren bei den rockjazzigen Oeuvres unüberhörbar.

Fulminant gerieten Uraufführungen von Gregor Hübner, der eben seine Metiers versteht. Einst wurde er als Pianist zusammen mit seinem Bruder Veit (Bass) beim baden-württembergischen Wettbewerb „Jugend jazzt“ entdeckt, machte 1990 mit dem Jugendjazzorchester eine Indonesien-Tour und ist inzwischen universell aktiv und gebildet. Keine Schwierigkeiten bereitet es ihm, für einen sinfonischen Klangkörper fachgerecht tonzusetzen. Stilistische Grenzen akzeptiert der Allround-Musikus ohnehin nicht. Seine Komposition „In Memoriam Bela“ greift die scharfkantigen Rhythmen des Ungarn Bartok auf, und der 1. Satz vom „Concerto For Zbiggy“ würdigt den 1979 an Krebs verstorbenen polnischen Geiger und Altsaxofonisten Zbigniew Seifert. Gregor Hübner schuf ein dichtes Werk, das auf Sentimentalitäten verzichtet, und brillierte als Geigensolist. Man sah und hörte es: der gemeinsame Abend, der leider nicht in Ton und Filmbild dokumentiert wurde, hat den Jazzern und den Philharmonikern gleichermaßen Freude bereitet. Die Stadt Stuttgart tut gut daran, zukünftig speziell mit dem Programmpunkt „Jazz und Sinfonik“ die „JazzOpen“ finanziell und personell zu unterstützen. Zu wünschen ist dem alljährlich für Mitte Juli terminierten Festival mehr Jazz, mehr Besucher und bessere Beteiligung von Radio und TV. Und mehr große Namen dürften es auch sein…