„Jazz & More“ vom Schwarzen Meer

VolkovMünchen.  So manches Festival, welches mehr als nur den vermeintlich reinen Jazz präsentieren will, wandelt dann auf kommerziell ergiebigen Pop-Pfaden. Ganz anders das bewährte Unternehmen „Jazz & More“ in München. Auch die Ausgabe für das viel bemühte Milleniumsjahr 2000 stellte eine Menge von kreativ-experimentellen Ausdrucksformen vor, die häufig Folklore und Zeitgenössische Musik adaptiert hatte. Zwanzig Tage Zeit für Entdeckungen und zum Kennenlernen der künstlerischen Facetten von etlichen Instrumentalisten und Komponisten. Gleich mehrfach traten beispielsweise die Klarinettisten/Saxofonisten Michael Riessler und Louis Sclavis, der Trompeter Markus Stockhausen und der Posaunist Giancarlo Schiaffini an. Im Doppelpack zu erleben war auch der in St. Petersburg beheimatete virtuose Kontrabassist Vladimir Volkov: im Trio mit der trickreichen Sängerin Sainkho Namtchylak (von Tuva, nahe der Mongolei) und dem universellen Schlagwerker Vladimir Tarasov (Litauen) und in dem von dem Saxofonisten Anatoly Vapirov energisch geleiteten Sextett „Black Sea Project“.

VapirovBereits vor zwei Jahrzehnten spielte Volkov im damaligen Leningrad zusammen mit dem umtriebigen Vapirov, der dann 1987 nach Bulgarien, dem Herkunftsland seiner Ehefrau, umsiedelte. Auch in Varna betätigt sich nun Anatoly Vapirov (*1947, Ukraine) als Musikorganisator und jazzavantgardistische Triebfeder. Zwangsläufig musste er am Schwarzen Meer in Kontakt zu dem rumänischen Jazz-Protagonisten Harry Tavitian kommen. Der knitze Pianist armenischer Abstammung mit einem Faible für Free, Folk und Blues gleichermaßen wohnt in der Hafenstadt Constanta. Da Vapirov am Goldstrand bald ein eigenes Festival kreierte, gab es einen Grund mehr für eine Länder übergreifende Kooperation. In sein „Black Sea Project“ integrierte der erfahrene Vapirov auch zwei Bulgaren, nämlich den Flötisten Theodosii Spassov und den Perkussionisten Stoyan Yankoulov. Als sechster Mann bereichert nun der Gitarrist Enver Izmailov die wahrhaft internationale Runde: in Folge der stalinistischen Vertreibungspolitik wuchs der Tatare in Usbekistan auf. Immerhin konnte Enver Izmailov seinen volksmusikalischen Horizont daher zusätzlich erweitern. Nun intoniert er, ausgehend von einem sonoren Bass, einen Obertongesang – beinahe so, als wäre er ein tibetanischer Mönch. Noch mehr verblüfft er freilich, wenn er seine Gitarre traktiert. Die von dem Afroamerikaner Stanley Jordan popularisierte „Touch“-Technik hatIzmailovIzmailov fortentwickelt. Auch mit der linken Hand, der eigentlichen Greifhand, kann er die Gitarrensaiten anschlagen. Dann erweitert der akrobatische Artist schließlich noch sein komplexe Polyphonie, indem er auf seine Hauptgitarre noch einen kleineren Sechssaiter montiert.

Das Publikum in der Allerheiligenhofkirche der stolzen Residenz staunte nicht schlecht über derartige waghalsige Fertigkeiten. Doch bei Izmailov ist das kein zirzensischer Selbstzweck, sondern musikalisch sinnvoll. Und er schafft traumwandlerisch den Spagat zwischen dem diversen volksmusikalischen Erbe und aktuellem Improvisieren.

Ähnliches praktiziert Theodosii Spassov, der seine bulgarische Flöte namens Kaval schräg an den Mund halten muss, um die Luft in Schwingungen zu versetzen. Den Klangfarbenreichtum vergrößert er, wenn er ins Instrument hinein singt oder gar es wie eine trompete anbläst. Spassov ist da kein Folklore-Tupfer, sondern ein ernsthafter Musiker mit jugendlichem Temperament und künstlerischer Offenheit. Lyrismen münden da schnell in orgiastische Sentenzen.

Ungewöhnlich auch Stoyan Yankoulov, wie er – mit um den Bauch geschnallter Basstrommel – sensibel sein kleines Sammelsurium von metallenen Selbstklingern bedient. Mitunter als kaukasischer Kauz führt sich Tavitian auf: armenische Skalen und Rhythmen führen dabei flugs zu gehämmerten Clusters der dissonanten Art.

Tavitian && Vapirov

Vapirov selbst näselt auf seinem Sopransax gerne arabisierend, und so richtig ekstatisch lässt er sein Tenor los. Von der Volksmusik entlehnte Themen, oft mit energetisch-tänzerischem Charakter, bilden die Nahtstellen zwischen den improvisatorischen Exkursionen. Allenthalben reizvolle Ausflüge in eine globale Musik, die in der bayerischen Landeshauptstadt ein dankbares Publikum gefunden hat.

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