„Furchtbar – eine fatale Situation“

Stuttgart. Kaum zu glauben, aber ein angeblich unveränderlicher Beschluss: der Südwestrundfunk beabsichtigt, seine Jazzaktivitäten im TV-Bereich auf den Nullpunkt setzen. „Es wird in diesem Haus keinen Jazz mehr geben“, erklärte voller Bitternis Wolfgang Michael Schmidt, der in Baden-Baden als „One-Man-Show“ noch die Jazz-Redaktion im SWR-Fernsehen leiten darf. „Furchtbar“ nannte „Woomi“ Schmidt, dem zu Jahresende sein Abgang nahe gelegt wurde, die Entscheidung seiner Vorgesetzten und bedauerte, dass auch so anspruchsvolle Produktionen wie „Ohne Filter“ und das „Kabarett-Festival“ dem Rotstift zum Opfer fallen sollen.

Wie bei den privaten Kommerz-Sendern wird auch der öffentlich-rechtlichen Institution auf die Quote geschaut und ganz vergessen, dass man einen Kulturauftrag zu erfüllen hat. Karnevalsumzüge, Kaffeekränzchen, Volksdümmliches und Frank Elstner am Samstagabend versprechen offensichtlich nun mehr Konsumenten am Pantoffelkino. Purer Provinzialismus, mit dem sich der das Südwest-Regionalfernsehen im Kreis der ARD mächtig blamieren dürfte. Die von Lothar Späth initiierte Zwangsfusion von SWR und SDR führte letztendlich zu einer Schwächung der Kultur, keinesfalls zu einer Stärkung. Der Jazz wurde bislang meist ins nachmitternächtliche Programm verbannt, und da braucht man sich ohnehin nicht wundern, wenn weniger Interessierte das TV-Gerät oder den Videorecorder einschalten.

Ministerialrat Joachim Uhlmann vom Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg bezeichnete das Abwürgen der Jazz-Kultur durch die SWR-Oberen als eine „fatale Situation“. Weniger diplomatisch klingen Äußerungen in Internet-Diskussionsgruppen. „Wirklich ein Trauerspiel diese Fusion, die hier den gesamten Südwesten von Jazz richtig säubert, fast wie im 1000-jährigen Reich“, tippte ein verärgerte Zeitgenosse in seine Computertastatur. Ein anderer User meinte: „Es ist wirklich eine Schande, dass im alten Haussender von Joachim-Ernst Berendt der Jazz zur Schnecke gemacht wird!“.

Voller Wehmut mag man sich beispielsweise an die 70-er Jahre erinnern. Da gab es noch vor der 20-Uhr-Tagesschau-Zeit im Südwestfunk unter der Obhut von Berendt fast täglich Jazz, der Süddeutsche Rundfunk sorgte mit Sendungen von Dieter Zimmerle für noch mehr swingende Musik in Baden-Württemberg. Nach dem Krieg war der SDR für drei Jahrzehnte eigentlich der wichtigste Jazz-Veranstalter in Stuttgart, unvergesslich die „Treffpunkt Jazz“-Veranstaltungen in der Liederhalle. Der SDR begriff sich zu Recht als missionarischer Mäzen, wobei sich besonders Wolfram Röhrig (Abteilungsleiter für Leichte Musik) engagierte.

Doch bereits mit der Gleichschaltung auf „S2 Kultur“ und der jetzigen „SWR2“-Schiene verlor der Jazz auch im Hörfunk an quantitativer und qualitativer Bedeutung. Viel zum Verstehen der Musik trägt bei, wenn man das Musizieren sehen kann – und dies auch adäquat von den Kameras eingefangen wird. Deshalb hat der Jazz im televisionären Medium seine Berechtigung.

Im Jahre 1967 konnte Joachim-Ernst Berendt superlativisch konstatieren: „‚Jazz – gehört und gesehen‘ ist nun die älteste Fernsehreihe in Deutschland. Sie besteht seit 1955 ohne Unterbrechung, während all die anderen Reihen, die bei uns zu Beginn des Fernsehens ausgestrahlt wurden, ausgelaufen sind oder durch neue ersetzt wurden“. Mehr als ein halbes Hundert Sendungen dieser Reihe konnte der Anfang 2000 verstorbene Berendt für seinen Südwestfunk produzieren. Enorme Beachtung fand seine Filmproduktion „Noon in Tunisia“ mit dem Trompeter Don Cherry und dem Pianisten George Gruntz. Eindringlich gerieten Studio-Konzert-Dokumentation von John Coltrane, dem Modern Jazz Quartet oder Albert Mangelsdorff. Aus Anlass der runden Geburtstage des 1922 geborenen Jazz-Papstes und seines tragischen Unfall-Todes in Hamburg wurden etliche Sendungen im Südwest-Fernsehen neu aufbereitet wiederholt. Eine Fundgrube für Freaks.

McFerrin - P: KumpfMit einer Live-Übertragung war heuer das TV auch beim „SWR Hot Jazz Festival“ im Europa-Park Rust dabei. 2000 will sich letztmalig auch bei den Stuttgarter „JazzOpen“ beteiligen. Gerade bei den Sommerfestivals in der Liederhalle – zunächst beim „JazzGipfel“ und nachfolgend bei „JazzOpen“ – konnte beispielsweise der Vokalist Bobby McFerrin in seinen Solo-Performances begeistern und überzeugen. Sollen derartige Highlights lediglich der Vergangenheit angehören? Wenn sich zukünftig der SDR mit Geld und Equipment zurück zieht und damit auch die Sponsoren aus der Wirtschaft das Interesse verlieren, sind diese Festivals in ihrer Existenz bedroht.

Einst beteiligte sich das „S3“-Fernsehen sogar gleich bei zwei Festivitäten in der Landeshauptstadt, nämlich bei den österlichen „Internationalen Theaterhaus Jazztagen“, wo Werner Schretzmeier höchstselbst im Ü-Wagen am Regiepult saß, und beim „Jazz-Gipfel“ im Beethovensaal. Und in Vorzeiten ereignete sich zur „Prime Time“ noch Jazz im Südwest-Fernsehen. Montagabends hatte da die afro-amerikanische Musik ihren festen Sendeplatz, obwohl mancher Moderator durch Inkompetenz und dummes Geschwätz seine Mattscheibe offenbarte. Da konnte und wollte ein TV-Mann nicht den Namen von Dizzy Gillespie korrekt aussprechen – und faselte dann nur etwas von den Pustebacken des Bebop-Trompeters.

Werner Schretzmeier - Photo H. KumpfDie „Arbeitsgemeinschaften der Rundfunkanstalten Deutschlands“ (ARD) hatte den Jazz weitestgehend vom „Ersten“ verbannt und bot ihn zunächst im „Dritten“, dem ursprünglichen Bildungs- und Minoritäten-Programm, an. Schon immer herrschte hier bei der Jazz-Präsentation ein Nord-Süd-Gefälle. Besonders gute Arbeit leistete die Nordkette „N3“, während man dem Bayerischen Fernsehen keine überwältigende Jazz-Ambitionen nachsagen konnte.

Nach dem Dudelfunk im Radio soll das Niveau auch im Regionalfernsehen, wenn es um Intendant Peter Voß & Co. geht, weiter sinken – damit Quote und Kasse stimmen – obleich es im 3. TV-Programm keine Werbeblöcke, die ein genehmes Umfeld einfordern, gibt. Ein Armutszeugnis. Lässt man sich nun nach dem Radio auch im Fernsehen von den Kommerzsendern einen Kulturanalphabetismus diktieren? Die Anti-Jazz-Entscheidung des SWR soll endgültig und unumstößlich sein. Vielleicht hilft doch noch ein geharnischter Protest von Hörern und Zuschauern, die nicht kulturell taub und blind sind, sowie von Politik und Verbänden.

Als der Südwestrundfunk die renommierten Donaueschinger Musiktage aus Geldnöten nur noch im Zweijahresrhythmus stattfinden lassen wollte, ertönte ein dissonanter Aufschrei im avantgardistischen Bildungsbürgertum. Die „Deutsche Bank“ hat ein paar Peanuts-Partikel springen lassen – und somit den gewohnten Bestand der Neutönerei in der Fürstenberg-Metropole gewahrt. Ob sich freilich in einem ambitionierten Jazz-Genre ein derartiger Mäzen findet, ist doch die Frage. Beim Bier-Dixieland ist ein (alkoholischer) Gönner eben eher denkbar als bei experimentellen Kunstformen.

Wenn der Südwestrundfunk schon nicht mehr in neue Jazz-TV-Projekte investieren sollte, sei wenigstens eine Bitte genannt. Löscht die alten Streifen und MAZe nicht! Wie zu vernehmen ist, wurden nämlich im Hörfunkbereich bereits vor geraumer Zeit „Schnürsenkel“ mit unwiederbringlichen Tondokumenten von Count Basie und Duke Ellington weggeworfen oder entmagnetisiert. Vielleicht wollen wenigstens „arte“ oder „3sat“ das Material weiter und wieder verwenden.

(Hans Kumpf ist Verfasser der 1980 beim Symposium „Jazz in den Medien“ vorgetragenen kritischen Analyse „Jazz im Fernsehen der BRD“. Sein an der Hamburger Musikhochschule gehaltenes Referat wurde in dem Buch „Jazz Research 12“, Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz, abgedruckt)