Ingrid Laubrock SWR Jazzpreisträger-Konzert im Mainzer Funkhaus am 02. Juli 2009

„Spontanes Komponieren“ nannte einst der Posaunist Albert Mangelsdorff jenes Improvisieren, das mit seinen ordnenden Strukturen im musikalischen Entstehungsprozess Klänge formt. Auf das Trio „Sleepthief“ der SWR-Jazzpreisträgerin Ingrid Laubrock trifft diese Beschreibung des solistischen und Kollektiven Spiels eher als auf viele andere Formationen des freien Jazz zu. Die im Münsterland geborene Saxophonistin faszinierte bei ihrem Preisträgerkonzert im Mainzer SWR-Funkhaus mit einem emotionalen und teilweise aggressiven Jazz, der dennoch keinerlei Scheu vor dem Leisen und Lyrischen kennt. Auf diese Weise entstehen packende, aber auch fragile Soundabenteuer.

So steigt die Saxophonistin in die Zugabe mit verträumt wirkenden Lyrismen ein, die in sonoren Balladenton münden, deren Harmonien nur punktuell aufgebrochen werden. Pianist Liam Noble, ein Meister des ökonomischen Spiels, antwortet mit tastenden Single-Notes und kurzen, perlenden Läufen, während Schlagzeuger Tom Rainey lautmalerisch die Besen kreisen lässt. In anderen der namenlosen Stücke des Konzertes lässt Laubrock das Tenorsaxophon knallen, schnattern und blubbern oder überbläst es in spitzen High-Notes. Sie raut die Töne in den Mittellagen nur leicht auf, schafft Kontraste vor allem in abrupten Dynamiksprüngen, wenn sie einen sanften Lauf mit ekstatischen Aufschreien abschließt. Eruptiven Tonkaskaden folgen ruhihe und entspannte Läufe.

Es heißt, dass kein anderes Instrument im Jazz dem Ausdruck der menschlichen Stimme so nahe kommt, wie das Saxophon. Wie nahe es tatsächlich kommen kann, belegt Ingrid Laubrock in einer Solopassage ohne Mundstück. Da lässt sie die Atemluft mit alle ihren Soundmöglichkeiten im Instrument „sprechen“. Liam Noble, weitet seinerseits die Klangfülle des Instruments durch Griffe in die Saiten im Innern des Flügels aus, übernimmt einmal gar mit Handballen und Fingern die Funktion des Basses in diesem an sich Bass-losen Trio. In Verbindung mit dem pulsierenden Spiel Raineys auf Trommeln und Becken wird zugleich bewiesen, dass freies Spiel auch ohne konkrete Metren „swingen“ kann. Und immer wieder verdichten sich die Interaktionen der drei Musiker – zumeist  nach einem der expressiven Saxophon-Soli – zu einem verwobenen Kollektiv, quasi ein musikalisches Spinnennetz, das in seiner Komplexität dennoch transparent bleibt.

Keine Frage, das Konzert belegt, dass die Saxophonistin, die lange in London gelebt hat und vor einem Jahr nach New York gezogen ist, zu Recht den mit 15 000 Euro dotierten Jazzpreis erhalten hat. SWR-Musik-Chefin Dorothea Enderle überreicht die gemeinsam vom Land Rheinland-Pfalz und dem Sender finanzierte Auszeichnung mit dem Hinweis auf die „Leichtigkeit des Free Jazz und die neue unverkrampfte Freiheit“, die die Tradition einbezieht und sich zugleich über sie erhebt. Der Peisträgerin sei es gelungen, „völlig freien Improvisationen einen formal strukturierten Rahmen zu geben“ begründet die Jury ihre Wahl. Reinhard Kager, Leiter der SWR-Jazzredaktion, spricht von frei improvisierter Musik mit hohem Expressionsgrad.Die Preisträgerin selbst erläutert ihre Polystilstik damit, dass stets „alle Sensoren auf Empfang geschaltet sind, um Partikel davon in abstrahierter Form beim Improvisieren wieder auszuspucken“.

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