Herbie Hancock feat. Bobby Hutcherson beim Rheingauer Musikfestival, 4. Juli 2003

Herbie HancockZwei Aussagen mögen den Zuhörer dem Phänomen dieses Konzertes mit Herbie Hancock und Bobby Hutcherson näherbingen: „Es geht nicht um die Note, es geht um die Geschichte, die Du in dieser Note erzählst“, sagt der Vibraphonist Hutcherson. Und Hancock versichert, dass „Formen nur ein Vehikel“ in der musikalischen Aussage sind. Warum also in konventionellen Strukturen verharren?

Dass der Pianist und Keyboarder, Komponist und Bandleader beim Konzert im des Rheingauer Musik-Festivals auf Schloß Johannisberg zu den Wurzeln – in seinem Fall zum Hardbop zurückkehrt, steht dazu in keinem Widerspruch. Herbie Hancock ist ein Chamäleon in den Gefilden des Jazz – der schwarzen Tradition von Blues und Gospel ebenso verpflichtet wie der europäischen Klassik. Er lustwandelt in der Szene von Pop und Rock und Rap ebenso wie in der von Fusion und Weltmusik. Hancock streichelt auf der Suche nach neuen Klängen verliebt die Tasten des Grand Pianos, schwelgt aber ebenso hingegeben in elektronischen Soundteppichen.

Bobby HutchersonIn Bobby Hutcherson hat der Pianist Hancock einen kongenialen Partner gefunden. Der Mann, der das Vier-Schlegel-Spiel auf dem Vibraphon konsequent einsetzte, dieses Mal aber mit zwei Klöppel und rasenden Wirbeln in den höchsten Lagen akzentuierte, der zwar gradlinig improvisiert, aber dennoch seine melodischen Linien mit harmonischen Brüchen versieht, die die Musik an den Rand der Tonalität führen, der auch ungerade Metren einbezieht – er ergänzt das kraftvolle Tastenspiel Hancocks mit den spannungsgeladenen Gegenläufigkeiten, den sperrigen Akkordblöcken eines Thelonious Monk, den rasenden Läufen und den hingehämmerten Clustern. Hancock demonstrierte an diesem Abend ein Spiel mit Kontrasten. Langsam suchendes Single-Note-Spiel wechselte mit wuchtigen Akkordschichtugnen, sanft swingende Teile mit treibenden, rockigen Passagen.

„Ich bin so gut wie die, die mich inspirieren“, sagt Terri Lynn Carrington. Und so musste sie an diesem Abend gut sein. Ihre Technik ist ohne Makel, bewundernswert ihr Spiel in Time – ganz gleich, ob sie die Drums, Snares und Becken im freien Spiel pulsieren oder ob sie einen harten Beat durchlaufen lässt. Die 38-jährige Schlagzeugerin ist eine Generation jünger als Hancock und Hutcherson, besitzt aber Erfahrung und Feeling, die weit über ihr Alter hinausgehen. Carrington fasziniert, weil sie zuhören kann, sensibel auf ihre Mitmusiker eingeht. Dass das Schlagzeug-Solo in „Footprints“ ein wenig zu lang geriet, mag der Zuhörer ihr verzeihen.

Terri Lynn CarringtonBassist Scott Colley ist swingender Mittelpunkt des Quartetts. Seine meist straight gezupften Linien tragen viel zum Zusammenhalt bei. In seinen Soli vermag er aber auch mit harmonischen Wendungen zu überraschen.

Und so beginnt der Abend mit einer linearen Linie auf dem Piano, mal perlend, mal mit Monk´scher Skurrilität, mit starken Dynamiksprüngen und reizvollen Zwiegesprächen des Vibraphons mit dem Bass und mit den Drums. Ein paar Single-Note-Figuren werden von kräftigen Akkordschlägen abgelöst. Eine schnelle Hardbop-Passage geht nahtlos in ein verspieltes Adagio über. Hancock und seine Mitmusiker zerlegen eine Cole-Porter-Komposition ihre harmonischen Bestandteile, verfremden die Melodien, formen neue Klänge und setzen das Puzzle wieder zusammen – ohne Porter allzu nahe zu kommen. Nicht anders verfahren sie mit der Hutcherson-Komposition „November“. Es wird trotz der mehr zwei Stunden Non-Stop ein kurzweiliger Abend im kühlen und regennassen Cuveehof des Schlosses hoch über dem Rhein. Und nach dem elektronischen „Future2Future“-Schock auch einer, der mit dem Chamäleon Herbie Hancock wieder versöhnt.

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