Giora Feidman mit „Jazz-Experience“ in der Mainzer Christuskirche, 4. Januar 2015

Foto von Klaus Mümpfer

Text & Fotografie: Klaus Mümpfer 

Magie der leisen Töne

Die Melodie von Sholom Secundas „Bei mir bistu shein“ schwebt durch den Raum. Fast gehaucht in der Klarinette von Giora Feldman füllt sie dennoch den riesigen, sakralen Raum der Mainzer Christuskirche. Völlig versunken  in seiner Musik, schreitet der inzwischen 78jährige Klezmer-Musiker langsam durch das Publikum zur Bühne, wo der Bassist Guido Jäger, der Gitarrist Reentko Dirks und der Cellist Stephan Braun jazzig swingend das Thema aufnehmen. Feidmans Spiel gewinnt an Kraft, der Cellist wechselt sich mit dem Gitarristen in der Melodieführung ab, der Bassist zupft einen harmonisch reizvollen Lauf, das Spiel des Quartetts mündet in Klezmer pur. Feidman lässt die wohl bekannte Melodie mit einem lang anhaltenden Akkord ausklingen.

Heute sucht der vielseitige Künstler jüdischer Abstammung, der 1936 in Buenos Aires geboren wurde und mit Klezmer und Tango aufwuchs, der Latin, Jazzwaltz, klassische Jazzballaden, Uptempo-Swing und die Musik Django Reinhardts aufgesogen hat, die Verbindung von Klezmer und Jazz. Mit seinem Quartett „Jazz-Experience“ kreiert er „Jazzmer“. Und dennoch bleibt der Meister der leisen Töne selbst bei Louis Armstrong „What a wonderful world“ oder „Summertime“ in der Zugabe stets dieser Giora Feidman der jiddischen Volksmusik. Sensibilität und Seele prägen als  vorherrschende Stimmungen den Charakter des Konzerts. Selbst in den Up-Tempo-Stücken bleiben Ruhe und Entspannung spürbar.

„Ich habe viel von meinen jungen Partnern gelernt“, gesteht der Altmeister schmunzelnd dem Publikum. Umgekehrt gilt jedoch Gleiches. Guido Jäger am Kontrabass ist ein langjähriger und vertrauter Begleiter, Gitarrist Reentko Dirks ein Musiker, der vom Latin Jazz und der spanischen Folklore kommt, und dies der Eigenkomposition „Danza impossible“ mit einem Solo in ausleben darf. Die Saitenspieler unterlegen einige Titel percussiv, inm sie auf dem Holz ihrer Instrumente klopfen oder wie der Gitarrist mit den Fingern schnippen. Im Trio mit dem Cellisten Stephan Braun gewährt Feidman den Streichern zahlreiche Ausflüge in jazzige Gefilde, holt sie aber mit dem klaren und spitzen Ton seiner Klarinette, den typischen Klezmer-Phrasen sowie dem brummigen, sonoren Klang der Bassklarinette immer wieder zurück.

Der Walzer „Beautiful Love“ von Wayne King und Victor Young oder Cole Porters “I love Paris“ mit der geradezu klassischen Cello-Einleitung lassen hörbar miterleben, was passiert, wenn ein erfahrener Künstler der jiddischen Volksmusik mit dem Jazz flirtet. Der Gitarrist zupft einen filigranen Lauf, der Cellist mit rhythmischer und melodischer Raffinesse seinen Part. „Ich möchte diese Kompositionen dem gegenwärtigen Augenblick widmen“, sagt Giora Feidmanvor dem Liebes-Walzer und wirft dem Publikum Kusshändchen zu.  Den Spiritual „Nobody knows the trouble I´ve seen“ mit der typischen gestrichenen Kontrabass-Intro interpretiert das Quartett als Swing Jazz und lässt das Thema nahtlos in einem Medley aufgehen.

Die begeisterten Zuhörer in der gut gefüllten Kirche lieben mehr noch als die jazzigen Ausflüge des Klemzer-Musikers dessen jiddische Volksweisen. Bereits bei Secundas „Donna, Donna“ singen sie so einfühlsam mit, dass Feidman ihnen mit dem Kompliment antwortet, sie würden von Mal zu Mal besser in den Jahren, in denen er für sie spiele. Und so klingt das mitreißende Konzert auch im gemeinsamen Gesang aus.