Die Klarinettistin Irith Gabriely spielte in der Haller Sonnenhof-Arche

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Text und Photos: Hans Kumpf

Klezmer zu Silvester

Nach altem Brauch wurde das vergangene Jahr in der Schwäbisch Haller Sonnenhof-„Arche“ musikalisch verabschiedet. Im vollbesetzten Saal spielte die Klarinettistin Irith Gabriely mit ihrem Ensemble „Colalaila Classic“.

Ganz zum Schluss, als dritte Zugabe, wurde das schottische Abschiedslied „Auld Lang Syne“ intoniert. Und die eigentliche Trauerhymne geriet überaus vital, wobei dann endlich die klassisch geschulte Klarinettistin Irith Gabriely mal kurzfristig richtig improvisierend jazzte. Ansonsten wurde der Abend mit der 1950 in Haifa geborenen Künstlerin von Klezmer und Weltmusik bestimmt. Spanien, Ungarn, Frankreich und Russland gehörten zu den vielen multikulturellen Stationen des Konzerts. Und auch Mozarts „Türkischer Marsch“ wurde geschickt vereinnahmt.

Mit ihrer Gruppierung „Colalaila Classic“ begibt sich Irith Gabriely explizit auf das europäisch-klassische Terrain. 1978 begann sie, im Orchester des Staatstheaters Darmstadt zu spielen. Aus dem südhessischen Raum kommen zumeist auch ihre Mitstreiter ihrer diversen Klezmer-Bands. Als weiterer Hauptakteur tut sich der gebürtige Mainzer Peter Przystaniak nicht nur als treuer Pianist sondern auch als an internationaler Folklore orientierter Komponist und als Arrangeur hervor. Cellist Stefan Welsch, der übrigens bei dem berühmten Melos-Streichquartett-Mann Peter Buck studierte, und Geiger Norman Reaves, welcher in Hall erstmals die Stelle der Slowenin Klementina Pleterski einnahm, blieben kleidungsmäßig und instrumental eher unauffällig, agierten aber zuverlässig.

Die große theatralische Show freilich zog Irith Gabriely ab: Zuerst ganz in Blau, nach der Pause ganz in Rot und stets mit farblich identischem Hut. Die 64-Jährige in wirbelte rasant über die Bühne und tänzelte mehrmals durch den Zuschauerraum. Mehr Hyperaktivität als Sensibilität. Zärtlich-Filigranes im äußersten Pianissimo, wie es ihr einstiger Lehrherr Giora Feidman so meisterhaft zelebriert, war von ihr nicht zu hören. Aber beide predigen inbrünstig die Allerweltsverbrüderung – musikalisch, religiös und politisch. Mit spitzer Sopranstimme steuerte Anja Stroh noch einige Lieder bei, zum Beispiel „Amazing Grace“, den 1968er Schlager-Hit „Those were the Days“ mit Mary Hopkin oder die „Habanera“ aus Georges Bizets Oper „Carmen“.

Die leichte Muse dominierte das Crossover-Konzert in fröhlicher Jahresendzeitstimmung, und die Arche konvertierte quasi zum Silvesterstadl. Mitklatschen und Mitsingen ausdrücklich erwünscht. Und dies schon beim Eröffnungsstück, nämlich dem traditionsreichen „Fire Dance“ im schwierigen Siebenachteltakt,

Durchweg Jazz ist im Veranstaltungsraum „Arche“ vom Sonnenhof – eine kirchliche Einrichtung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung – zu hören, wenn dort demnächst eine der paar Auftaktveranstaltungen zum 9. JazzArtFestival stattfindet. Am 15. März 2015 tritt dort um 19 Uhr unter der Leitung von Tobias Scheibeck die Big Band Schwäbisch Hall auf. Gesangsolistin wird Lana Gordon sein, die derzeit in Stuttgart beim Musical „Chicago“ eine Hauptrolle spielt und zuvor bei den Haller Freilichtspielen auf der Treppe mitmischte.

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