Frei über die Stile hinweg

Esslingen. „DKV Trio“ – dahinter verbirgt sich nicht etwa ein flotter Dreier des Deutschen Kanu-Verbands, sondern eine Musikgruppe, die in ihrem Namen schon einem hierarchischen System abschwört. Die Nachnamensinitialen von Hamid Drake (Perkussion), Kent Kessler (Kontrabass), und Ken Vandermark ergeben eben „DKV“. Das aus Chicago stammende Trio war selbst angetan vom Gastspiel in der Esslinger Dieselstraße, wo eine Tournee durch Österreich und Deutschland ihr fulminantes Finale fand.

Demokratische Strukturen beim Musikmachen und eine kulturelle Weltoffenheit sind das Credo des Ensembles. Noten braucht man nicht, die Improvisation dominiert. Begonnen wurde mit einem intensitätsgeschwängerten Free Jazz: im Kollektiv alles klar strukturiert, minutenlange Soli, überschäumende Klangkaskaden, devote Dreiklangsseligkeiten wie einst bei Albert Ayler, Coltrane-Hymnen, dann auch rockige Phrasen.

Hart schlägt Drummer Hamid Drake auf die Tom-Toms; barfüßig bedient er die Pedale von HiHat und Basstrommel und spürt die bodenständigen Schwingungen um so mehr. Nach einem zirkularg eatmeten Triller intoniert der am 22.9.1964 in Warwick (Rhode Island) geborene Vandermark auf seinem Tenorsaxofon einen archaisch-schwarzen Sound, um dann noch ins Instrument hinein zu singen und darauf regelrecht zu heulen. In seinem unbegleiteten Solo lässt Kent Kessler das Zupfen sein und nimmt den Bogen zur Hand: sehr obertonhaltig streicht er über die Saiten, schabt und krächzt. Schlussendlich dann geradezu simpel sequenzierte Rock-Phrasen. Das „DKV Trio“ von der Drei-Milllionen-Metropole am Michigansee verbindet und verbündet die Erfahrungen von Lester Bowies „Art Ensemble of Chicago“ und vom berühmten „Chicago Blues“ gleichermaßen.

Nach all der Expressivität beweist die Band, dass man Feeling auch auf lyrische Art und Weise auszudrücken vermag – eine Ballade voller Tristesse wird klangmalerisch erzählt. Drake legt seine Sticks zur Seite und reibt subtile Sounds aus den Fellen heraus, quasi flamenco-gitarristisch geht Kessler auf dem sonorigen Kontrabass vor, unspektakulär jetzt Vandermark mit lang gezogenen Tönen.

Nach der Pause eine Ehrerbietung zu Mutter Afrika und arabischer Musik. Hamid Drake bearbeitet eine Rahmentrommel und singt, Ken Vandermark steuert auf der Klarinette vibratoreich und virtuosenarm dumpfe Töne bei. Nach dem Wechsel zum Saxofon artikuliert Vandermark beim raschen Alternieren zwischen dem hohen und tiefen Register dialogische Duette mit sich selbst. Bei all der – von mitteleuropäischer Wohltemperiertheit so entfernten – Mikrotonalität bezieht sich Kessler in seinem „arco“-Solo auf die phrygische Skala. Vereint dann wieder in gewohnter Gruppenbalance, Interaktionsfreude und Kommunikationslust ein expressives Free-Furioso, das rhythmisch gar zu einem Marsch führt.

Eine Konzert kann zum Erlebnis werden, wenn Musik fern kommerzieller Strategien unmittelbar praktiziert wird. Ohne pompöse Light-Show und bombastische Verstärkeranlage wurde in Esslingens „Dieselstraße 26“ wieder einmal viel Qualität geboten.

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