Die „AZ Big Band“ in Alzey 18. Januar 2003

„Stolen Moments“ ist bis heute eine der charakteristischen Kompositionen des Big-Band-Arrangeurs Oliver Nelson geblieben. Nelson, der das Tenorsaxophon eher unterkühlt und mit fast klassischem Ton spielte, schrieb das Stück mit Absicht für einen aggressiveren und raueren Saxophonisten. Genau dies setzte der Kölner Stefan Pfeifer mit der AZ Big Band aus Alzey treffend in Szene. Felix Fritsche, der schon zuvor in „I watched her walk away“ belegte, dass er der Bebop-Tradition näher steht als dem Swing, blies das Instrument so expressiv, dass es wahrscheinlich Nelsons ursprünglicher Intention nahe kam. Fritsche war es auch, der mit einer Temposteigerung in seinem Solo die Band für einen „stolen moment“ hinter sich ließ – doch das war neben einem falschen Trompetenton im Finale der einzige hörbare Ausrutscher, den die 19 Musiker, der Bandleader und die Sängerin sich bei diesem beeinruckenden Konzert in der Alzeyer Volkerschule erlaubten.

Rockig und funky groovend mit gleißendem Blech wurde die AZ Big Band selbst den hohen Ansprüchen gerecht, wie sie der High-Note-Trompeter Maynard Ferguson mit seinem Stück „Fireshaker“ setzt. Strahlende Trompetensätze, ein glanzvolles Posaunensolo von Stephan Hardt, jaulende Gitarren-Glissandi von Manfred Beutel und ein druckvoller Bass von Martin Merkelbach rundeten das Power-Play der Band ab. Ganz anders die Ballade „First Love Song“ mit den einleitenden hingetupften Single-Notes von Frank Maas auf dem Piano, den späteren verträumt verspielten kurzen Läufe und dem Flötenspiel. Dass das Stück dennoch nicht in Zuckrige abgleitete, davon sorgten geschickte Dynamiksteigerungen.

Meike Denzer verfügt über eine modulationsreiche und ausdrucksstarke Stimme vor allem in den mittleren Lage, schafft aber auch den Aufstieg in die Höhen. „Masquerade“ interpretiert sie eindrucksvoll, in Billy Strayhorns „Take The A-Train“ liefert sie sich ein mitreißendes Duett mit dem Saxophonisten Christoph Pauli. Leicht brüchig und mit Vibrato setzt Meike Denzer ihre Stimme im Michel Legrands Ballade „Summer knows“ ein, ausdrucksvoll vor dem Hintergrund des gestopften Trompetensatzes, aber von der Technik mit ein bisschen zu viel Hall unterlegt.

Die Satzarbeit der AZ Big Band erweist sich vor allem in den Full-Band-Passagen als präzise und druckvoll. Pfeifer zeichnet mit den Musiker teils pastellartige Soundflächen, dann wieder stählerne Blechattacken oder mollgetönte Saxophonsätze. Die Band beherrscht wie in „Agave“ selbst komplexe und verschachtelte Arrangements, verfügt daneben über technisch versierte Solisten.

Um auch dem Leader einen ausgiebigen Soloausflug zu ermöglichen, hat die AZ Big Band „If I could“ im Repertoire. Ein getragenes Thema, das Stefan Pfeifer mit langgezogenen singenden Linien auf dem Saxophon ausfüllt – emotional und nur kurzen Intensitätssteigerungen. Hinter dem Solo erklingen die stimmungsvollen, leicht growlenden Soundteppiche der Bläser. Ein ästhetischer Genuss, dann das begeisterungsfähige Publikum frenetisch feierte. Ohne Zugaben – wie „Just the way you are“ mit der Sängerin Meike Denzer – durfte die AZ Big Band die Bühne nicht verlassen.