Barrelhouse Jazzband Frankfurt mit Jubiläumskonzerten in Nieder-Olm und Worms 1. und 2. Februar 2003

Während draußen klirrender Frost herrscht, bringt die Barrelhouse Jazzband beim Konzert ihrer Jubiläumstournee in Nieder-Olm die Stimmung mit kreolischen Klängen zum Sieden. Jelly Roll Mortons „Mamanita“ ist eine der Glanznummern der Band, die seit fünf Jahrzehnten zu den Bewahrern und Erneuerern des traditionellen Jazz zählt.

Die Bearbeitung der Barrelhouse Jazzband drückt bei diesem Abend des Jazzclubs Rheinhessen all die Lebensfreude und Melancholie aus, die der selbsternannte Erfinder des Jazz hineingeschrieben hatte. Ein lyrisches Gitarrensolo von Roman Klöcker mit Dynamiksteigerung, ein sonores Solo von Frank Selten auf dem Baritonsaxophon, ein Duo des Posaunisten Horst Schwarz mit dem Klarinettisten Reimer von Essen sowie dessen strahlendes Klarinettensolo münden in einen warmen und runden Soloausflug auf der gestopften Trompete. Bassist Cliff Soden darf mehrmals seine fulminante Slap-Technik auf dem Bass vorführen, und Schlagzeuger Hans-Georg Klauer stützt mit flexiblem, nie aufdringlichem Spiel auf den Drums. In allen Stücken arbeitet die Band die filigrane Eleganz der kreolischen Musik heraus und verbinden sie mit dem heißen Spiel des frühen Jazz. Es gibt zarte Balladen, wuchtigen Big-Band-Sound, rollenden Boogie und melancholischen Blues.

Es ist das besondere Verdienst des Bandleaders Reimer von Essen, den Stücken der alten Meister Morton, De Paris oder Bechet, King Oliver, Count Basie oder Duke Ellington neues Leben einzuhauchen. Die zum überwiegenden Teil nur auf Schallplatten und Klavierrollen überlieferten Stücke aus der Anfangszeit analysiert er, schreibt sie mit Horst Schwarz für die Barrelhouse-Besetzung so um, dass „der Komponist sagen würde, so könnte es auch klingen“. „wir haben von den großen Vorbildern gelernt, deren Sprache zu sprechen und komponieren auch in deren Sinn“, sagt Reimer von Essen. Es entstehen Stücke, die dem traditionellen Jazz gerecht werden, ganz ohne musealen Touch, eher von zeitloser Schönheit und mitreißender Vitalität.

In Chicago verwandelte sich die ländliche Barrelhouse-Piano-Spielweise in den treibenden, vitalen Boogie-Woogie. Im Grunde ein Blues, gewinnt der Boogie seine Energie aus dem rollenden Bass der linken Hand und den percussiv angeschlagenen Patterns der rechten. In „The Dirty Dozens“ greift Jan Luley, Pianist der Barrelhouse Jazzband, nach den üblichen Solo-Abläufen der Bläser plötzlich eine hübsche kleine Volkslied-Melodie unter den ostinaten Trillern der rechten Hand in den hohen Lagen, um dann wieder in die rollenden Bass-Figuren zurückzufallen. Dies ist eines der nur scheinbar unbedeutenden Eigenheiten dieser professionellen Band, die im Sinne des traditionellen Jazz musiziert, ohne ihn zu kopieren.

Von King Oliver bis Count Basie führt der reizvolle und wohlklingende Spaziergang der Musiker beim Brunch des Jazzclubs Rheinhessen in der alten Markthalle des Wormser Schlachthofes. Im „Ozark Mountain Blues“ folgt die Band der Entwicklung des Jazz, der sich mit weniger Eleganz, aber umso mehr Kraft und Durchsetzungsvermögen in Szene setzte. Mit großem Einfühlungsvermögen arrangiert Bandleader Reimer von Essen für die Barrelhouse-Besetzung Ellington-Kompositionen und trifft die typische Ellington-Moods mit ihren growlenden Sounds sowie teils exotischen Klangfarben. Gelungen vollziehen die Musiker die Lautmalerei des Komponisten Henry Red Allan nach, der im „Patrol Blues“ die Sirenen der Streifenwagen in Harmonien umsetzt.

Drei Sets lang unterhalten die Profis mit fundierter Technik in der Instrumentenführung sowie makelloser Musikalität in der Interpretation und Improvisation die Gäste. So fügt sich der kulinarische zum kulturellen Genuss.

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