Der Papst und der italienische Präsident lauschten andächtig

Der Papst und der italienische Präsident lauschten andächtig

Erfolg mit Mahler, Mendelssohn-Bartholdy und Brandauer – 
Jungmusiker nahmen auf dem Heiligen Stuhl Platz


BuJazzo mit Dennis Russell Davies

ROM/OCHSENHAUSEN/KARLSRUHE. Wann schon steht der Papst vor einem Orchester? Dem an der Landesmusikakademie Ochsenhausen „beheimateten“ Interregionalen Sinfonieorchester (IRO) mit jungen Instrumentalisten aus 15 Ländern wurde diese allerhöchstwürdigste Ehre zuteil. Es spielte im noblen Auditorium Conciliazione ein historisches Konzert unter dem Titel „Jugend gegen den Krieg“. Nach der bestens gelungenen Aufführung begab sich Benedikt XVI an die Bühnenrampe und bedankte sich beglückt für die exzellente Leistung.

Eingefädelt wurde das Event in der Ewigen Stadt durch Professor Wolfgang Gönnenwein, derzeit Präsident des in Karlsruhe residierenden Landesmusikrats, und Brigitte Stephan vom Europäischen Kulturforum Mainau. Als Vermittler agierte Kurienkardinal Walter Kasper, der bis 1999 als Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart fungierte. Schwäbische Connections also. Als Schirmherr trat das „International Jewish Commitee for Interreligious Consultations“ auf. Das Programm beinhaltete Werke von Felix Mendelssohn-Bartholdy und Gustav Mahler, die bekanntlich einen jüdischen Background besaßen und von den Nazis verfemt wurden. Vor 70 Jahren fing Hitler den 2. Weltkrieg an, und jetzt wurde – unmittelbar an der Grenze zum Vatikanstaat – im Auditorium der prachtvollen Via della Conciliazione, die von Duce Benito Mussolini geplant und im Jubeljahr 1951 fertig gestellt wurde, vor über zweitausend Zuhörern international gefeiert. 

Über ein Dutzend Talente des Nachwuchs-Klangkörpers kommen jeweils aus Baden-Württemberg, Spanien und Russland. Weitere Musiker stammen aus Ländern wie Frankreich, Kroatien, Polen und Kanada. Ähnlich der „Philharmonie der Nationen“ von Justus Frantz oder Daniels Barenboims „West-Eastern Divan Orchestra“ betreiben auch die IROs klassisch-spielerisch eine kosmopolitische Verständigung. So war das neu getaufte „International Regions Symphony Orchestra“ geradezu prädestiniert, für eine friedliche Zukunft aufzutreten. Völkerverständigung fängt da eben ganz individuell an, Liebeleien inklusive.

Doch der Abend begann mit Klaus Maria Brandauer, der als Rezitator auftrat. Der lebenslängliche Burgschauspieler begann mit Exzerpten aus Goethes „Egmont“ und interpretierte voller Dramatik auch Heinrich Heine, der einst vom Vatikan auf den Index gesetzt worden war. Rilke, Celan, Brecht, Kafka – letztendlich zu viel Deutschsprachiges, das von über 250 afrikanischen Bischöfen, die gerade in Rom zu einer Synode weilen, nicht verstanden werden konnte. Natürlich keinerlei Sprachschwierigkeiten für den Bajuwaren Joseph Ratzinger…

In den Redeschwall des als 007-Unterwaserbösewicht Largo („Sag niemals nie“) weltbekannt gewordenen Brandauer fügte sich ideal das sphärisch-lyrische Adagietto aus der 5. Mahler-Sinfonie ein – höchst gefühlvoll, demütig, beseelt und intonationsrein dargebracht unter dem kompetenten Dirigat des aus den Niederlanden stammenden und an der Karlsruher Oper tätigen Jochem Hochstenbach. Michelle Breedt, gebürtige Südafrikanerin weißer Hautfarbe, sang mit ihrem makellosen Mezzosopran zudem zwei Lieder aus Gustav Mahlers Zyklus „Des Knaben Wunderhorn“.

Nach dem Schicksalhaften und der Tristesse dann doch Optimismus und Fröhlichkeit, eingefangen in Felix Mendelssohn-Bartholdys populärer Sinfonie Nr. 4 op. 90. „Die Italiensche“: Überschäumend, hervorsprudelnd und perlend wie Sekt, absolut professionell dargeboten von den Jungmusikern. Im Nachhinein stellten die Youngsters freudig fest, dass diffizile Parts erstmals punktpräzise erklangen – der Papst samt göttlichem Beistand war eben nahe, sehr nahe.

Neben „Benedetto“ saß der beweibte italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano, der mal einige ruhige Minuten genießen durfte – und sich hoffentlich vom mächtigen Ärger mit dem immunlosen Silvio Berlusconi ablenken konnte. Bundespräsident Horst Köhler, der das IRO bereits 2007 in China hörte, konnte nicht zur besinnlichen Festivität nach Italien düsen, da er in deutschen Landen auf Merkel und Westerwelle aufpassen musste.

Schlussendlich das heiß ersehnte Defilee der VIPs beim Heiligen Vater. Ein Händedruck für „Mephisto“ Brandauer und auch für den in Rom doch nicht dirigierenden Musikus Wolfgang Gönnenwein, dessen klerikale und weltliche CDs im Hause Ratzinger – Papst-Bruder Georg fungiert(e) in Regensburg als Domkapellmeister – wohlgehört sind. Lothar Späths Staatsrat a.D. Gönnenwein weiß sich mit dem aktuellen Stellvertreter Christi einig, dass für die Jugend unserer Welt der aktive Umgang mit Kunst und Kultur immens wichtig ist. 

In Rom und im gesamten Erdkreis wurde zwischenzeitlich die frohe Kunde vom denkwürdigen IRO-Vorspiel beim Papst verbreitet. Nicht zuletzt sorgte das Internet dafür – von Ecuador über Angola bis Taiwan. Ganz zeitgemäß stellte auch das Vatikan-Fernsehen CTV bei YouTube ein Videoclip ein: „Pope and Youth against War“.

Auf die globale Präsenz sind die Kids nun echt stolz. Und auch darauf, dass sie bei der Probe am Vormittag reihenweise auf den für Seine Seligkeit bereit gestellten Heiligen Stuhl mal kurz Platz nehmen konnten. Gesittet musste es dann am Abend zugehen, der gestrenge „dress code“ war einzuhalten: „Herren: schwarzer Anzug, weißes Hemd, silberne Krawatte – Damen: langer schwarzer Rock oder Hosen, lange Ärmel“. Und – bei den Reden – vor allem lange ruhig dasitzen und einen seriösen Blick aufsetzen.

Nach getaner Arbeit dann in der Nacht wieder lockere Stimmung im Ristorante „Bella Napoli“: Zwischen dem genussvollen 5-Gänge-Menü und Vino ertönten, nicht gerade in konzertantem Niveau, lautstark lebhafte Gesänge in deutscher, spanischer und russischer Sprache.

Begeistert fällt das Fazit der Heidelberger Geigerin Karla Beyer (22) aus: „Dass das IRO zu solch einer Veranstaltung eingeladen wurde, fand ich beeindruckend und ich fühlte mich geehrt, ein Teil dieses Orchesters sein zu dürfen. Ich habe mich riesig auf das Konzert gefreut. Auf der Bühne war ich sehr gespannt auf den Papst. Als dann endlich ein Raunen durch das Publikum ging und alle aufstanden, wurde mir ganz anders zu Mute. Ich war so beeindruckt von seinem Auftritt, dass ich ganz feuchte Augen bekam. Aber wie es bei jedem Musiker ist: Sobald ich dann musizierte, war ich nicht mehr aufgeregt. Das Konzert hat mir dann unglaublich viel Spaß gemacht.“ Fagottist Johannes Himmler (22) aus Ludwigsburg ergänzt ein kleines bisschen weniger ergriffen: „Wieder mal ein tolles IRO-Projekt! Nicht nur, dass wir in einem tollen Konzertsaal spielen durften, sondern auch dass der Papst uns zuhörte – dies war eine große Ehre. Auch wenn wir keinen persönlichen Kontakt zu ihm hatten, war seine Präsenz sehr beeindruckend.“

Probe mit Klaus-Maria Brandauer

Der Papst

Oboistin Karolina Kowracka auf heiligem Stuhl

Papst im Gespräch mit Wolfgang Gönnenwein