David Torn mit dem Projekt „Prezens“ in der Rüsselsheimer Jazzfabrik, 21. Januar 2008

Spontan drängen sich den Zuhörern Schlagworte wie „Soundgewitter“ oder „Klangorgie“ auf. Die Musik der Quartetts um den Gitarristen David Torn steigert sich von unruhigem, flächigem Ambiente zu verstörenden, aggressiven und die Ohren strapazierenden Ausbrüchen. Dazwischen geschoben sind Passagen schwebender Ruhe.

Und so beginnt das Konzert der Rüsselsheimer Jazzfabrik auf der Hinterbühne des Theaters mit einer verhaltenen, percussiven Intro des Schlagzeugers Tom Rainey auf den kleinen Trommeln sowie flirrenden Sounds von Gitarren und dem Rhodes-Piano. Die Intensitätswellen wirken mal transparent gleitend, dann wieder hart pulsierend. 

Time Berne formt Melodiefragmente auf dem Altsaxophon und stellt sie polarisierend sowie zugleich ergänzend den verzerrten Gitarrenläufen Torns gegenüber. Die ekstatischen Stakkati und klirrend angeissenen Saitengriffe enden in einem Crescendo, dem eine überraschend melodische Mehrstimmigkeit von Saxophon und Gitarre folgt. Mit seinem Projekt „Prezens“ erkundet David Torn collagenhaft die musikalische Landschaft jenseits der Grenzen des puren Jazz.

Das ist wohl das Faszinierendste dieser avantgardistischen Klanglandschaft: Naturklänge des Saxophons reiben sich an den elektronischen Sounds der Gitarre und gehen dennoch eine Symbiose ein, die keine Vergleiche zulässt. Torn, der Wanderer zwischen Jazz, Rock, Minimalmusik und Avantgarde, diagnostiziert selbst eine „musikalische Schizophrenie“.

In einem Moment reißt der Gitarrist noch einen „sauberen“ Oktavenlauf an, im nächsten schon dröhnt eine verzerrten Glissandolinie, spielt Torn mit Überlagerungen durch Loops, Delays und Echos, reizt die Möglichkeiten der elektronischen Verfremdung aus, lauscht den so eruptiven und aufwühlenden Soundscapes nach. Berne setzt dagegen ein paar melodische Linien, bricht dann aber in Stakkati aus, die in den High-Notes überspitzt quietschen, in den mittleren Lage rau hinausgeschleudert werden.

Multiphonics, Obertoneffekte und Geräusche sind für ihn so selbstverständlich, wie das scheinbare Rauschen, mit dem ein Stück an diesem Abend ausklingt. Erstaunlich gradlinig trommelt in diesem komplexen und metrumfreien Soundgebilde der Schlagzeuger und hält damit das Ganze zusammen. Von dem glänzenden Pianisten Craig Taborn ist in diesem verdichteten und wuchtigen Klangbild leider zu wenig zu hören, es sei denn, dass er in einem der wenigen Solopassagen seine Rhodes hymnisch wie eine Orgel erklingen lässt oder einen pastellgleichen Lauf aus den Tasten zaubert.

Elf Stücke sind auf Torns aktueller CD „Prezens“ zu hören. Beim Konzert fasst er vieles davon zu einer 45-minütigen Improvisation zusammen, lässt zwei weitere Kombinationen folgen. So entstehen in der traumhaft sicheren Kommunikation der vier Musiker neue Spontankompositionen, die keine Titel haben, aber aus dem Fundus der CD schöpfen, bilanziert Torn nach dem Konzert stolz und zufrieden.

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