David Krakauer mit „Klezmer Madness“ in der Jazzfabrik Rüsselsheim, 10. Februar 2003

Die Tradition des Klezmer war noch nie so nah an der zeitgenössischen Musik wie bei David Krakauer. Und noch nie verband sich die Volkmusik der Juden so intensiv mit schrillem Free-Jazz wie im „Love Song from Lemberg“, den der Klarinettist der Geburtsstadt seines Vaters gewidmet hat. Schmelzende, melancholische und freudig jubilierende Tradition wechselt abrupt mit chaotisch ausfasernden, ekstatisch pulsierenden Tutti des freien Jazz. Collagenhaft prallen zwei Welten als extreme Pole aufeinander – und verbinden sich dennoch. „New Klezmer“, radikale jüdische Kultur – David Krakauer spielt kompromisslos an der Schnittstelle von Tradition und Avantgarde. Etwas überspitzt und eher ironisch ist seine Verbindung von Klezmer-Tradition mit dem, was er „moderne Volksmusik“ nennt: das Aufgreifen von Themen amerikanischer Fernsehserien (die er als Junge sah) in seiner Komposition „Television Frailachs“. „Klezmer Madness“ steht über dieser Musik. Hier spielt der Klezmer verrückt.

Krakauers Kompositionen sind musikalische Entdeckungsfahrten von der osteuropäischen Folklore über Blues und Rock zu Funk und Jazz. Ein ungebärdiges Crossover. Instrumental virtuos, voller Gefühl und Aufbegehren, kompositorisch provozierend.

„Klezmer à la Bechet“ widmet Krakauer einem seiner großen Vorbilder und ausdrucksstarken Klarinettisten des traditionellen Jazz. Mit „The Russian Shers“ geht der Musiker zurück in die Zeit, als er noch bei den „Klezmatics“ spielte. Es ist wie viele andere ein tänzerisch treibendes Stück. So wie der Opener „Gasn“ mit seinen Trommelwirbeln, den Single-Note Einwürfen auf der Gitarre und den schwebenden Melodielinien der Klarinette.

Diese radikale neue Klezmer-Musik ist nicht unbedingt leicht verdauliche Kost. Sie überschreitet Grenzen und verlangt dabei offene Ohren und Sinne – auch wenn die Wurzeln unverkennbar sind. Der Sound ist bestimmt durch die Experimentierfreude und die Kombination der Instrumente. In „Tribe Number 13“ leitet die Gitarristin Sheryl Bailey mit Blues-Riffs zum rockigen Bass-Break von Mary Ann McSweeney über. Dann prägt Schlagzeuger Michael Sarin das Stück mit funky Rhythmen. Zum typischen Sound dieser Band tragen aber vor allem Krakauers Klarinette und das Akkordeon von Will Holshouser bei. Die beiden spielen mit Klangfarben, die sie den mal glissandi, mal Singel-Note gespielten Gitarrenläufen und den ostinaten Figuren des Basses hinzufügen. „The New Year After“ wird von einem klagenden Gesang und Tönen auf einem Muschelhorn eingeleitet, pulsiert in langsamem Tempo, gewinnt an Dynamik und Intensität, steigert sich in einem anschwellenden ekstatischen Gruppensound und klingt mit sanftem Vibrato aus.

„Sibba“ ist ein instrumentales Kunstwerk mit mehrstimmigem Spiel auf der Klarinette, überblasenen Tönen und Schnalzlauten. Wenn David Krakauer in die höchsten Lagen geradezu explodiert, dann zieht er die Töne mit Zirkularatmung ins schier Unendliche. Dann verwandelt sich die melancholische Klezmer-Klarinette in ein heiß glühendes Jazz-Instrument. „Ohne die Seele des Klezmer zu verletzen, gelingt es David Krakauer, diese Folklore in einen zeitgenössischen Kontext zu stellen, bescheinigen ihm Kritiker. Die treibende Kraft von Rock und Blues, die Improvisationskünste des Jazz und die Kollektiv-Erfahrungen in freien Avantgarde-Spiel verbinden sich zu einer aufregenden Form traditioneller osteuropäischer Folklore. Eben „New Klezmer“ und „Klezmer Madness“

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