Brad Mehldau Trio in der Jazzfabrik 04.10.2008

„It´s not open to discussion anymore“, heißt es in der Anfangszeile des Elvis Costello-Songs „Baby plays around“. Es ist auch kein Zweifel angesagt, dass der Pianist Brad Mehldau als Künstler auf dem Flügel vom ersten Ton an zu fesseln vermag. Ob er nun mit hymnischer Kraft in ostinaten Melodiefragmenten weite Spannungsbögen aufbaut, die sich in swingenden Läufen auflösen, ob er nach einigen wuchtigen Akkordgriffen scheinbar tastend mit Singel-Notes nach Überleitungen zu neuen Ideen für das Thema sucht, ob er nahtlos die europäische Klassik mit dem sperrigen Jazz des Querdenkers Thelonious Monk oder den romantischen Ausflügen Keith Jarretts verbindet, Mehldau bleibt trotz vielfältiger Assoziationen einzigartig in der Kreativität und unvergleichlich in Hingabe und Intensität. 

Brad Mehldau windet sich vor dem Flügel, reckt sich nach hinten. Die Hände schweben über den Tasten, als helfe dies bei der Suche nach neuen Themenvariationen. Dann fließen die Harmonien verträumt und lyrisch aus dem Bösendorfer. Wuchtige Akkordschichtungen in den Bassregionen kontrastieren mit kurzen, perlenden Melodielinien und Trillern in den Höhen. Grenadier streicht den Bass in einer grundierenden Harmonie und Ballard lässt die Besen sanft über den Becken kreisen. Vielleicht hätten die begeisterten Zuhörer beim Jazzfabrik-Konzert des Bad-Mehldau-Trios im Rüsselsheimer Theater nach diesem emotional mitreißenden, und technisch virtuosen Solo über Costellos „Baby plays around“ mit einer von Jarrett´scher Suggestion strotzenden Anziehungskraft im Ohr nach Hause gehen sollen, denn nach einer solchen Demonstration musste jede noch so gute Zugabe abfallen. 

Zuvor jedoch hatte der erst 1970 geborene Tastenkünstler den Bogen von Monks „We see“ und Clifford Browns „Brownie speaks“ bis Twiggy geschlagen, in einigen eigenen Kompositionen ohne Titel zwischen Brahms und Bill Evans Brücken geschlagen, mit faszinierender Anschlagskultur und feinen dynamischen Abstufungen brilliert. Das Faszinosum von Brehldaus Musik besteht wohl darin, dass kein Ton überflüssig ist oder gar banal wirkt, dass sie bei aller Ästhetik und Beseeltheit nie den Grat zum Kitsch überschreitet.

Brad Mehldau ist kein Revolutionär. In seinen Kompositionen und Bearbeitungen von Standards und Popsongs sucht er keine stilistischen Erneuerungen. Er bewegt sich im swingenden „Hauptstrom“, aus dem er hin und wieder ausbricht, dann aber mit fast ironischer Gelassenheit und selbstbewusster Geschmackssicherheit. 

In dem Bassisten Larry Grenadier und dem Schlagzeuger Jeff Ballard hat der Pianist zwei Musiker an seine Seite, die ihm die einerseits die Bälle zuspielen und die ihm andererseits stets sensible Begleiter sind. Wenn Grenadier in langen Linien, mit vielen harmonischen Wendungen und Verzierungen das Thema umschreibt, dann begnügt sich Mehldau mit kurzen Akkordeinwürfen, um später selbst mit swingenden Läufen zurückzukommen, während der Bassist sein Instrument „straight“ marschieren lässt. Ballard seinerseits erhält an diesem Abend zweimal die Gelegenheit, in langen Soli zu beweisen, dass er neben dem präzisen Timing in durchlaufenden Beats auch polyrhyhthmische Strukturen flechten, dass er selbst im kraftvollen Powerspiel stets flexibel und federnd bleiben kann. Bei so viel solistischer Virtuosität konnte das traumhafte Zusammenspiel des Trios nicht überraschen.