Stacey Kent & Nils Wülker im Frankfurter Hof 04.10.2008

„Drei Stunden Jazz im Doppelpack. Zwei kontrastierende Jazzwelten. Sanft und introvertiert die amerikanische Jazzsängerin Stacey Kent, funky expressiv der Trompeter und Flügelhornist Nils Wülker. Und dennoch gibt es Gemeinsamkeiten, wenn es um Melodiosität und Wärme geht.

Bar-Jazz nannte man die intime und relaxte Form früher, Lounge klingt heute cooler und weniger abwertend. Geschadet hat dieser swingende Jazz der Musik eigentlich nie. Heute kultiviert Stacey Kent jene filigrane Melancholie mit klarer und nur untergründig brüchiger Stimme. Neben die Standards aus dem Great American Songbook sind inzwischen Kompositionen getreten, die ihr der Saxophonist, Komponist und Ehemann Jim Tomlinson auf den zierlichen Leib geschrieben hat, zu Texten die der britische Schriftsteller Kazuo Ishiguro lieferte. Beim Konzert in Mainz rissen diese sanften Pop-Jazz-Preziosen das Publikum zu anhaltenden Beifallstürmen hin. Da stand die Sängerin mit dem eigenwilligen, aber an Billie-Holiday erinnernden Timbre in der Stimme, der ausgefeilten Jazz-Phrasierung und der dramaturgisch geschickten Einbeziehung von Gesangspausen auf der Bühne des Frankfurter Hofes, der mit seiner besonderen Atmosphäre die Intimität des Auftrittes unterstreicht. Louis Armstrongs „What a wonderful world“ interpretiert Stacey Kent auf eine erfrischende Weise ebenso neu wie eine Jobim-Komposition oder ein französisches Chanson. Ganz so, wie sie es auch auf ihrer neuen CD Breakfast On The Morning Tram“ auf faszinierend anrührende Weise tut.

Die Amerikanerin weiß, wie sie Brücken zu ihrem Publikum schlägt. Ihre charmant unbeholfene Moderation in deutscher Sprache weckt Emotionen, die die Zuhörer für ihre Musik und ihre Texte öffnen. Vielleicht hilft es auch, dass ihre Songs – wie sie selbst sagt – „traurig und optimistisch zugleich sind“. Und so springt der Funke schon über, als Pianist Graham Harvey mit ein paar hingetupften Single-Notes das Konzert eröffnet und Stacey Kent sanft swingend zur streichelnden Besenarbeit des Drummers Matthew Skelton ihre Stimme erhebt. Im Hintergrund zupft David Chamberlain „straight“ laufende Basslinien. Später kommt Jim Tomlinson hinzu, dessen sonores Tenorsaxophon-Spiel in der guten Tradition der amerikanischen Balladen-Altmeister verwurzelt ist.

Ein Song, in dem der deutsche Trompeter Nils Wülker aus dem zweiten Teil des Doppelkonzertes begleitet, lässt erkennen, wie tief Stacey Kent und ihr Quartett im Jazz verwurzelt sind. Der gemeinsame Auftritt weckt auch Erwartungen, die Wülker mit Jens Dohle am Schlagzeug, Lars Duppler am Keyboard, Christian von Klaphengst am Bass und vor allem dem Altsaxophonisten Jan von Klewitz erfüllen kann. Stark rhythmusbetont, treibend und funky, mitunter auch groovend präsentiert das Quintett eine mitreißende Musik zwischen Bebop und elektronischem Jazzrock mit leichter Pop-Orientierung. Gewiss, Wülker besticht auch auf dem Flügelhorn mit warmem und rundem Balladen-Ton von hymnischer Wirkung, gefällt aber besonders in „Looking up“ beim zweistimmigen Duo mit dem gewitzten und improvisationsfreudigen Saxophonisten. Balladen spielt er ohne sentimental zu werden, funky Jazz und Bebop ohne übertreibende Expressivität. Der 31-Jährige ist ein exzellenter Techniker, der die Perfektion der Intrumentenbeherrschung der Komposition dienlich einsetzt und nicht zum Selbstzweck. Vital und kraftvoll klingen die ausgefeilten Arrangements der erfrischenden Eigenkompositionen. Kein Wunder, dass das gleiche Publikum, das zuvor die leisen Klängen den Kent-Gruppe feiert, auch Wülker zu Zugaben zwingt. 

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