BlueNite-Festival mit Enders und Hart sowie Blue Lines, Worms, 5. und 6. November 2004

Johannes Enders - Fotografie: Klaus MümpferMit Billy Hart zu spielen kann süchtig machen, sagt der Saxophonist Johannes Enders bei der Vorstellung des Trios „Triotope“, in dem neben ihm und dem amerikanischen Schlagzeuger der Münchner Martin Zenker den Kontrabass zupft. Nach dem ersten Solo Hart´s können die Zuhörer beim BlueNite-Konzert im Wormser Stiftskeller es dem Weilheimer Hünen am Tenorsaxophon nachfühlen. Mit welch motorischer Präzision und gleichzeitig flexibler Einfühlsamkeit Hart die Becken und Trommeln bearbeitet, kraftvoll groovt und mit afrikanischer Ursprünglichkeit komplizierte Polyrhythmik über einen durchlaufenden Beat des linken Fußes auf den Becken setzt, fasziniert. Hart ist ein Wanderer zwischen den stilistischen Welten, im Hardbop ebenso zu Hause wie in der Avantgarde und im Fusion-Bereich. Als Begleiter stützt er mit einem gradläufig gehaltenen Metrum, in seinen Soli klingt das fein abgestimmte melodische Trommelspiel nahezu impressionistisch.

Ideal dazu tönt der erdig-runde Kontrabass von Martin Zenker, der ebenso in ausgedehnten Solo-Ausflügen mit harmonisch reizvollen Linien die Themen phantasievoll aufbereitet, mit Verzierungen und Wendungen überrascht sowie in der Begleitung sein Instrument auch in straight gezupften Läufen marschieren lässt.

Dazu spielt Johannes Enders seine lyrische Variante des Hardbop mit kleinen Ausflügen ins freie Spiel, mit leichter Überblastechnik und Schleiftönen, ansonsten aber einem runden und sonoren Sound von melodischer Ästhetik. Weiträumig und ausschwingend sind die Läufe von reifer Schönheit auf dem Tenor-, etwa nervöser, spitzer und schneller auf dem Sopransaxophon.

Billy Hart - Fotografie: Klaus Mümpfer (@ jazzpages)Und so beginnt das BlueNite-Konzert in einem eher ruhigen Tempo, wechselt in einen schnelleren Saxophon-Lauf in den mittleren Lagen in Ornette Coleman´s „Turnaround“, gefolgt von „I mean you“ mit den typischen hüpfenden Verschleppungen Monk´s. Mit einem Bass-Solo voller harmonischer Verschränkungen sowie zurückhaltend sanften Saxophon-Einsprengseln  beginnt die Enders-Komposition „Voices & Choices“, liedhaft schlicht und melodiös „Alone together“ mit einfühlsamer Besenarbeit auf den Fellen und sonoren Saxophonlinien zu einem ausgedehnten Bass-Solo. So viel Coltrane-Hymnik verlangt nach einem frei pulsierenden Untergrund und attackierenden Saxophon-Läufen, wie sie in der Enders-Komposition „Overground“ nach effektvollen Steigerungen der Intensität und nach Dynamiksprüngen zu hören sind. Unruhig, fast nervös, flicht das Trio seine komplexen und dichten Strukturen, die aus einem Guss sind, wechselt mit einem ruhigeren Sopransaxophon-Solo und einer Bass-Linie nahtlos in das nächste Stück sowie im Kollektiv wiederum das Thema. So spannt sich der Bogen von „Overground“ über die Horace-Silver-Komposition „Peace“ zu Sam River´s „Beatrice“, um schließlich mit schnellem Pulse und attackierendem Ton in Kenny Barron´s „Voyage“ zu landen.

Triotope

Am Abend zuvor hatten der Bassist Ralf Gauck, Schlagzeuger Peter Götzmann und die Flötistin Petra Erdtmann im Trio-Projekt „Blue Line – Classic ´n Jazz“ unter anderem Johann Sebastian Bach mit Miles Davis verschmolzen. Da fing eine Cello Suite von Bach mit einer unterlegten Basslinie aus „All Blues“ zu grooven an und die Flöte spielte das Thema drüber. Vivaldi´s „Frühling“ lebte in den Ostinati im Stil der Pat-Metheney-Interpretationen auf, und Mozart verbändelte sich mit Chick Corea. Mit vollendeter Technik und einer gehörigen Portion Humor hob das Trio bei diesem ersten der beiden BlueNite-Abende eine erneute Verbindung von Klassik und Jazz mit kraftvollen und originellen Interpretationen aus der Taufe.