Ravi Coltrane Quartet in der Rüsselsheimer Jazzfabrik, 29. Oktober 2004

Der modernisierte Hardbop atmet den Geist des legendären Vaters. Ravi Coltrane, der gerade zwei Jahre alt war, als John Coltrane starb, lässt sich aber glücklicherweise nicht zum Plagiat verführen, sondern verarbeitet das Erbe zu einem eigenständigen, Personalstil. Der 1965 Geborene bevorzugt gemäßigte Tempi. Seine Soli schwingen in langen sonoren und hymnischen Böge, in schnellen Läufen perlen die ornamentalen Verzierungen fast nebenbei aus dem Instrument. Virtuos münden diese Alleingänge hin und wieder sogar in sakrale Sounds und kinderliedhaft schlichte Melodiosität. Dann aber bricht die Jugend durch und Ravi Coltrane wechselt zu freien und pulsierenden Passagen, mit rasanten Stakkati, bei denen er in dem Schlagzeuger E.J. Strickland und dem Bassisten Drew Cress treibende, kongeniale Begleiter findet. Pianist Luis Perdomo ist eher lyrisch orientiert, verfällt aber immer wieder auch in rasende Bebop-Läufe mit angedeuteten Clustern.

So bleibt eher unmaßgeblich, dass der Sohn eine Seelenverwandtschaft stärker mit dem lyrischen Spiel seines Vaters entdeckt hat als mit dessen ekstatischem Powerplay.

Traditionsbewusstsein prägt bei diesem Konzert der Rüsselsheimer Jazzfabrik in der alten Opel-Werkshalle den Eindruck, den die Zuhörer mit nach Hause nehmen. Der noch junge Musiker offenbart sich als gemäßigter Modernist, der andächtig zuhört, wenn Luis Perdomo am Piano in langen romantisch-lyrischen Läufen schwelgt, die weichen Balladen-Bögen auf dem Tenorsaxophon mit Single-Note-Tupfern verziert. Drew Cress zupft in seinen Soli auf dem Kontrabass weit geschwungene, harmonisch reizvolle Linien, in die er gar kurze Pizzikato-Folgen integriert. E.J. Strickland kann zurückhaltend mit dem Besen begleiten, darf sich aber in zwei ausgedehnten Soli mit mächtigem Powerplay austoben, bei dem er über einem durchlaufenden Beat die komplizierten Rhyhthmusfiguren drapiert. Am besten aber besticht sein Spiel in den freien, pulsierenden Passagen, in denen er den Saxophonisten im fast ekstatischen Spiel vor sich hertreibt und den Lyriker am Flügel zu rasanten Läufen zwingt. Da ist typisch für die Musikauffassung Ravi Coltranes zum Ende des ersten Sets eine Komposition, in die Perdomo mit einem langen romantisch verklärten und hymnischen Solo einführt, in dem das Tenorsaxophon das Thema mit sakralem Ton aufnimmt, Bass und Schlagzeuger filigran begleiten – bis das Quartett Intensität und Dynamik zum Crescendo steigern, das Stück mertisch ausfasert und harmonisch zerlegt wird, um schließlich wieder auf seine melodischen und rhythmischen Strukturen zurückgeführt zu werden.

In den Kompositionen des Abends ist die ganze Familie Coltrane vertreten. Vom Vater John stammt neben anderen der Opener „26-2“, von der Mutter Alice „Narcine“, von Ravi selbst unter anderem „Between the lines“. In allen Stücken aber zeigt sich der Saxophonist inzwischen als ein gereifter und eigenständiger Musiker mit viel Humor und Spielfreude, der sich bewusst und erfolgreich aus den Fesseln seines übergroßen Vaters gelöst hat, ohne ihn zu verleugnen.