„Bingen swingt 2003“ vom 27. bis 29. Juni 2003

Die Posaunisten der hr-Bigband machten sich eine Spaß daraus, vorbeifahrende Schiffe mit einem kraftvollen Sirenenton zu begrüßen – harrten zumeist aber vergeblich auf Antwort. Skurriler Humor, virtuose Technik und improvisatorische Kreativität zeichnete das Jazzorchester vom Main auch beim Eröffnungskonzert von „Bingen swingt“ aus. Die Jazzfreunde hätten sich keinen jazzigeren Auftakt wünschen können – zumal die Bigband unter der Leitung von Jörg Achim Keller mit perfekten Arrangements bestach und Stars wie die Sängerin Victoria Tolstoj sowie den Posaunisten Nils Landgren aufweisen konnte. Die Schwedin phrasierte in der Tradition der großen Jazzsängerinnen, setzte sich erfolgreich auch in den Duetten mit Landgrens Posaune und im Duo mit ihm als Sänger durch. Die Bigband wurde auch dank vorzüglicher Solisten wie Wilson de Oliveira und Tony Lakatos an den Saxophonen ihrem guten Ruf gerecht.

Das aufregendste Konzert lieferte indessen der Free-Jazz-Pionier Ekkehard Jost mit seinem Quintett „Chromatic Alarm“. Polyphone und pulsierende Themen, mit rasendem Stakkati in „Zatopek“ oder getragen mit harmonischen Verfremdungen in „Tempi passati“ sowie ein nicht tanzbarer Tanz „No Calypso tonight“ zeichnen in den Titeln vor, was die Zuhörer erwartet: chaotisches Geschnatter und weit gespannten Melodiebögen münden in mehrstimmige Kollektive, eingebettet in komplexe Strukturen.

Ganz anders und in der Tradition des New Orleans Jazz sowie Swing verhaftet ist der amerikanische Gitarrist Marty Grozs mit seinem für Bingen zusammengestellten Quintett. Feine, ziselierte Notenlinien auf der Gitarre, ein bisschen cool, ein bisschen hot. So leitete der 73-Jährige in der Regel seine swingenden Kompositionen ein oder er sang solo zur Gitarre so warm und beseelt „Georgia“, dass den Zuhörern das Herz aufging.

Balkan-Folklore und Jazz verschmilzt der ungarische Bassist Aladar Pege – ein Meister des Con-Arco-Spiels, wie er in einem Solo-Stück faszinierend belegte. Blues gab´s oben auf der Burg mit „Dr. Mablues“, ein Gospelkonzert um Mitternacht am Ufer des Rheins. Und mitten in der Stadt amüsierte sich die Menge köstlich bei den britischen Musikclows von Bob Kerrs Whoopee Band und ihrer köstlichen Version des „Tiger Rag“ als Tiger Hat. Musikalisch hat sich die Band seit Jahrzehnten nicht verändert, lebt von den Gags und der technischen Perfektion.

„Bingen swingt“ hat sich dem modernen Jazz und der Avantgarde geöffnet, besetzt nun auch die Nischen des Genre. In dieser Bandbreite hat es in diesem Jahr „Worms Jazz & Joy“ überholt – ein kulturell anerkennenswertes Verdienst der Programmgestalter. Der Leitsatz Qualität statt Quantität zahlt sich aus, zumal die Gruppe jeweils gut drei Stunden spielen. Nirgendwo in der Republik kann der Jazzfan für insgesamt acht Euro (!) neben anderen guten Bands und Solisten Stars wie Nils Landgren, Gitte Haenning, Aladar Pege, Benny Bailey, Klaus Doldinger und Emil Mangelsdorff an einem Ort genießen.

A propos Mangelsdorff: Sein gegenwärtiges Quartett mit dem Jörg Reiter am Piano, dem Bassisten Vitold Rek und dem Schlagzeuger Janusz Stefanski ist eine Traumbesetzung, in der allenfalls Reiter etwas ökonomischer spielen sollte. Mangelsdorff selbst ist auf seinem Saxophon ein großer Geschichtenerzähler mit warmem Ton, in dessen Spiel die ganze Jazzhistorie einfließt.

Harten Big-City-Blues nach Chicago-Art bot der Gitarrist Al Jones, der einen fast noch besseren Saitenkünstler an seiner Seite hatte. Mitreißender Gesang, hart angerissene glissandoreiche Gitarrenläufe und eine druckvolle Rhythmusgruppe runden den guten Eindruck ab. Feiner Swing kam vom Trio des Piano-Professors Wolfgang Köhler mit dem Trompeter Benny Bailey. Das aufregendste an den Neobop-Interpretationen von Steve Hooks & Too Cold war auf hohem technischem Niveau das Spiel mit zwei Saxophonen à la Roland Kirk. Straight gespielte Gitarren-Duette im Modern-Swing und Bebop lieferten sich die Amerikaner Russ Spiegel und Howard Alden. Technisch und künstlerisch äußerst anspruchsvoll, aber ohne Überraschungen. Mit satten und präzisen Bläsersätzen überzeugte die Phönix-Foundation, das Jugendjazzorchester aus Rheinland-Pfalz.

Auf einer Bühne, vor der sich das Publikum drängelte, dass fast kein Durchkommen war, bewies Gitte Haenning, dass sie Jazz singen kann. Dabei ist es nicht die Kraft, sondern vor allem die stilgerechte Phrasierung und geschickte Bearbeitung von Standards, Gospels und Popsongs, die die Zuhörer fesselten, mit denen sie um Mitternacht Geburtstag feierte. Stimme und Charme bestechen, die etwas zu kühle Routine und Glätte mindern das Positive ein wenig.

Mit sattem Bigband-Klang wie es begonnen hatte, ging das Festival am Rhein-Nahe-Dreieck zu Ende. Nicht in Orchesterstärke, aber mit der selben Sound-Gewalt wie die hr-Bigband spielten Klaus Doldinger und seine Passport die Titel passend zur Promotion-Tournee der jüngsten CD „Passport goes to Brazil“. Lebenslust pur mit Samba und Bossa – eingebettet in den Jazzrock, für den der 67-jährige Saxophonist mit seinen eingängigen und expressiven Kompositionen steht. Opener ist das alte „Ataraxia“, ein paar treibende frühe Fusion-Kompositionen folgen, bevor Doldinger auf Latin-Kurs geht. Aufregende Soli von Peter o´Mara an der Gitarre, Roberto di Ggioia an den Keyboards sowie der Percussionisten konkurrieren nicht mit den Saxophonausflügen des Bandleaders. Musikalisch nicht viel Neues, durch die Spielfreude und die Power aber ungebrochen mitreißend.