Yusef Lateef alias William Huddleston (92) beschloss das Enjoy-Festival in Ludwigshafen


Alle Photos auf dieser Seite: Hans Kumpf 

Ludwigshafen. – Schon im Teenager-Alter faszinierte mich Yusef Lateef gleich mehrfach. In den 60er Jahren kaufte ich mir zwei Schallplatten mit einem ganz unorthodox jazzenden Lateef. Bei dem Sammelwerk „The Jazz Soul Of Cleopatra“ musizierte der 1920 in Chattanooga, Tennessee, als William Emanuel Huddleston Geborene auf der Querflöte einschmeichelnd im arabischen Idiom. Mit der Oboe blies er auf der LP “The Poll Winners“ wunderschön den „Trouble In Mind Blues“. Die Vinyl-Scheibe mit den großen Gewinnern einer Ende 1964 vom amerikanischen Magazin „down beat“ durchgeführten Leserumfrage präsentierte Yusef Abdul Lateef zudem noch als disziplinierten Saxophonisten – in einer Big Band um den Bassisten Charles Mingus. 

Als ich für mein Buch „Postserielle Musik und Free Jazz“ (Herrenberg 1975) recherchierte, stieß ich erneut auf dasuniverselle Œuvre von Yusef Lateef. So spielte der vielseitige Innovator in seinem Stück „Sound Wave“ das elektronische Instrument Theremin (und klang damit wie manche Cage-Musik) oder er komponierte die siebensätzige „Symphonic Blues Suite“, wo er verschiedentlich an die europäische Tradition anknüpfte. Gleich zu Beginn, in der „Folia“, entwickelt Lateef mit nuancierten Sound-Tupfern ein Pendant zur Klangfarbenmusik der Postserialität. Beim nachfolgenden „Minuet (hybryd, atonal)“ gibt es einen Gegensatz zwischen Lateef als Tenorsaxophon-Solisten mit einem expressiven Luft-Ton-Gemisch und einem eher distanziert wirkenden Orchesterklang.

Ein hochgebildeter Künstler und außerordentlicher Mensch, der schon früh zum toleranten „Ahmadiyya Islam“ konvertierte. Nur: Bislang konnte ich Yusef Lateef nie „live“ begegnen. Mittlerweile zählt er 92 Lenze – und musiziert ziemlich munter weiter. Beim Abschlusskonzert desEnjoy-Jazz-Festivals der Metropolregion Rhein-Neckar spielte er im Ludwigshafener BASF-Feierabendhaus vor über 1.300 Zuhörern.

Eine hagere Gestalt in orientalischem Gewand samt weißer Häkelmütze (man hat da beinahe den Extrem-Islamisten Osama Bin Laden vor Augen). Yusef Lateef agiert in einem wirklich einmaligen Quintett, das von Archie Shepp (75) angeführt wird. Und zu dessen Image gehören ja schnittiger Anzug und schwarzer Krempenhut.

Das erste Stück des Abends ist freitonal und subtil klangforschend. Lateef greift hierbei zu verschiedenen Flöten – zur billigen „tinwhistle“ und zu diversen Kleininstrumenten aus der ganzen Welt. Bei seiner Komposition „Brother Hold Your Light“ spielt Lateef zunächst ausgiebig Querflöte mit seinem nach wie vor warmherzigen Ton, nunmehr aber etwas intonationsgetrübt. Dann betätigt sich der 92-Jährige noch als Vokalist – ein Tenor mit einer geradezu jungen und keineswegs brüchigen Stimme. Das, was der oft fahrig und unsicher wirkende Archie Shepp auf dem Sopransaxophon beisteuert, ist dagegen zu laut und zu schrill. Immerhin hält die Rhythmusgruppe der All-Star-Band die Sache elegant und routiniert zusammen: Pianist Mulgrew Miller, Bassist Reggie Workman und Drummer Hamid Drake. Doch sehr viel Publikumsjubel für diese Nummer.

Dann der erwartete Blues auf der Oboe. Ein für den alten Herrn körperlich ungemein anstrengendes Unterfangen – mit dem enormen „Innendruck“ beim Blasen des Doppelrohrblattinstruments. Die Kurzatmigkeit sei da Yusef Lateef verziehen. Standing Ovations.

Zuvor hatte es zwischen den Saxophonisten Shepp und Lateef noch eine recht friedliche „Tenorbattle“ gegeben. Außerdem durfte die Shepp-Komposition „Mama Rose“ nicht fehlen. Man huldigte Balladen und dem Blues. Und bei der letzten Zugabe griff Shepp in seine Ellington-Kiste: „Don’t Get Around Much Anymore“, wobei der schrille Shouter die Leute zum Mitklatschen aufforderte.

Festival-Macher Rainer Kern bezeichnete den Abschlussabend resümierend als „ein Jahrhundertkonzert“. Ein unvergessliches Ereignis schon, meine ich, jedoch mit den Mangelerscheinungen der beiden Hauptprotagonisten nicht qualitätstauglich für eine CD. Hauptsache: Der wissbegierige und weltoffene Lateef jazzte noch ganz gut für sein Alter. Ein relativ rüstiger Methusalem, der wahrlich viel Jazz-Geschichte geschrieben hat. Obwohl er sich, wie auch Shepp, nicht als Jazzer bezeichnet wissen will.