Weinerliches Country und furioses Altsax

Stuttgart.- Immer wieder das gleiche Lied: Es nennt sich so manche Dame „Jazzsängerin“, die keinen einzigen Ton kreativ improvisiert. Auch Lizz Wright, die sich bei der jüngsten Jazznights-Tour in der Vorgruppe des arrivierten Saxofonisten David Sanborn präsentieren durfte, gehört dazu. Die amerikanischen Künstler waren im keineswegs ausverkauften Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle zu hören.

Die afroamerikanische Pfarrerstochter, in deren Elternhaus TV und Jazz (!) gleichermaßen als Teufelszeugs abgetan wurden, verfügt über eine angenehme dunkle Gospel-Stimme, mit 24 Jahren bereits voll ausgereift. Sogar etwas klassischen Operngesang hat sie studiert, jedoch klingt sie noch unüberhörbar nach Country. 

Da tönt sie eher weinerlich, die Vitalität einer Shania Twain fehlt ihr völlig. Selbst ihren Opener „A Taste of Honey“, den einst Tony Bennett, der „Tijuana Brass“-Trompeter Herb Alpert und die Beatles erfolgreichst interpretierten, ging sie sehr zaghaft an. Für mehr Action sorgte da bereits das männliche Begleitquartett, allen voran der Gitarrist Marvin Sewell, bestens versiert in polyphonem „Folk-Picking“ und in der glissandierenden „Bottleneck-Technik“.

Als Lizz Wright bei dem Spiritual „Walk With Me, Lord“ das Publikum zum Mitsingen animierte, wurde einem erst recht bewusst, um wie viele Klassen ein Bobby McFerrin besser ist. Der Stimmakrobat hatte ja zuletzt im gleichen noblen Konzertraum im Juli wieder für Hochstimmung gesorgt. Und da kitzelte McFerrin vom Auditorium solistische Leistungen heraus.

Nach ihrem Auftritt signierte Lizz Wright im Foyer gerne ihre aktuelle CD „Dreaming Wide Awake“. Ebenfalls auf dem „Verve“-Label ist der neueste Silberling „Closer“ von David Sanborn erschienen, Bei der James-Taylor-Nummer „Don’t Let Me Be Loneley Tonight“ wird hier die Newcomerin von dem arrivierten Star ins Rampenlicht gerückt. 

Am Altsaxofonisten Sanborn haftet das unrühmliche Etikett eines „Easy Listening“-Betreibers an. Welch angenehme Überraschung, dass der 1945 Geborene nach der Pause überaus furios aufspielte – und intensiv improvisierte. Sein Ton ist nach wie vor ästhetisch rein und klar, trotzdem mangelt es diesem nicht an Biss. 

Fabelhafte Mitstreiter findet David Sanborn immer, sei es auf CD oder „live“. In Stuttgart überzeugte einmal wieder Perkussionist Don Alias mit wilder Conga-Trommelei. Der Art-Blakey-Alumnus Geoffrey Keezer hat sich längst zur eigenständigen Künstler-Persönlichkeit gemausert. Ganz ohne akustisches Flügelspiel schuf er auf den Keyboards lyrische Debussy-Klänge und bewährte sich als gewiefter Komponist. Eine runde Sache.