Was ist jüdische Musik?

SCHWÄBISCH HALL. Am 12. November wurden in Stuttgart mit dem umtriebigen Michel Friedman die vierten Jüdischen Kulturwochen eröffnet. Erstmals ging die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg mit ihrer Veranstaltungsreihe von der Landeshauptstadt hinaus in die Region. Neben Ulm, Heilbronn, Reutlingen und Hechingen wurde nun auch Schwäbisch Hall mit einem Event bedacht. Im Theatersaal vom Alten Schlachthaus, das ja früher eine Zeitlang ja auch von den Haller Juden genutzt wurde, musizierte die Geigerin Larissa Kondratenko mit der Pianistin Elena Bendizkaja.

„Jüdische Musik“ lautete in der Vorankündigung das Motto des Abends. Doch was ist jüdische Musik? Musik von Juden für Juden? Klezmer und synagogale Gesänge? Kompositionen von Offenbach und Mendelssohn-Bartholdy oder gar von den Avantgardisten Kagel und Ligeti? Dodekaphonik von Schönberg und Berg? Evergreens von Irving Berlin John Zorn - Foto: Kumpfoder George Gershwin? „Take Five“ von Paul Desmond mit Dave Brubeck? Hebräische Volkslieder wie „Hava nagila“ und „Hevenu shalom alejchem“? Komplexe Free-Jazz-Improvisationen von John Zorn, Steven Bernstein oder John Fischer?

Auf dem vor Konzertbeginn gereichten Programmzettel stand da zunächst Joseph Haydn. Und der war zweifelsohne ein kaiserlicher Katholik. Yamine Engel von der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Stuttgart löste bei ihrer Begrüßungsrede das Verwirrspiel auf, als sie erklärte, dass hier Werke jüdischer Komponisten mit denen nichtjüdischer Zeitgenossen vereint aufgeführt werden sollten. 

Fischer - Foto: KumpfFreilich stimmten da die Proportionen nicht. Mit mehr oder weniger leicht-seichten Stücken von Edward Elgar, Jules Massenet, Reinhold Glier, Dimitri Schostakowitsch, Camille Saint-Saens, Frantisek Drdla und Joseph Joachim Raff waren die „Nichtjuden“ in deutlicher Überzahl. Und selbst das „Cantabile“ vom Teufelsgeiger Paganini schwelgte in Ruhe und Gemütlichkeit.

Einzig und allein bei einer Melodienfolge aus der Operette „Grafin Mariza“ des vielfach von den Nazis geflohenen gebürtigen Ungarn Emmerich Kalman alias Imre Koppstein kam das vitale Flair der Unterhaltungsmusik des osteuropäischen Judentums auf. Als musikhistorisch nicht gerade bedeutsam gelten die beiden Nummern „Liebesleid“ und „Schön Rosmarin“, bei denen der 1962 in New York verstorbene Violinvirtuose Fritz Kreisler die Alt-Wiener Walzerseligkeit imitierte. 

Von unangefochtener kompositorischer Qualität sind natürlich Felix Mendelssohn-Bartholdys insgesamt 48 „Lieder ohne Worte“, derer drei die Pianistin Elena Bendizkaja beherzt und rhythmisch prägnant bestens interpretierte. Die Brubeck - Foto: Kumpfan der Wolga geborene Künstlerin lebt mittlerweile am Stuttgarter Nesenbach und überzeugte am Haller Kocher erst recht mit zwei Tschaikowsky-Ohrwürmern. Aus dem Nussknacker-Ballett gestaltete sie den „Tanz der Zuckerfee“ mit pointiertem Anschlag, filigraner Agogik und orchestraler Fülle, und der „Marsch“ erklang mehr keck beschwingt als militärisch stur.

Die Geigerin Larissa Kondratenko, aufgewachsen im Uralge birge und über Moskau nach Baden-Württemberg gelangt, hatte besonders anfänglich unüberhörbar mit Intonationsschwierigkeiten zu kämpfen, gewann im Konzertverlauf aber zunehmend an Sicherheit und bemühte sich um ein feinsinniges Saitenspiel.

Scroll Up