Von der hymnischen Kraft des Klangs

Esslingen. Sein Saxofonton scheint nur vordergründig aggressiv zu sein, vielmehr steckt dieser voller menschlicher Wärme. Widerborstigkeit und Angerauhtes sind letztendlich herzlich, ja beseelt. Mit viel Vibrato erzeugt Heinz Sauer einen extrem obertonhaltigen Sound – einen Sound mit Inhalt und Gehalt, voller Plastizität. Bei aller Individualität und Direktheit sind die afroamerikanischen Einflüsse nicht zu überhören. Die (einstigen) Avantgardisten Pharoah Sanders, Archie Shepp, Albert Ayler und John Coltrane sind hier zu nennen. Doch Heinz Sauer ist inzwischen so ausgereift, dass er inzwischen in und mit der ganzen Jazzgeschichte „spielt“. Ein zeitloses Blues-Feeling schwingt und swingt immer mit.

Kaum zu glauben: der Heißsporn des berühmten Albert-Mangelsdorff-Quintetts der 60-er Jahre ist mittlerweile bereits 67 Jahre alt. Geboren wurde Heinz Sauer am 25. Dezember 1932 in Merseburg, von der Frankfurter Szene ist er nicht mehr wegzudenken. Eine adäquate Anerkennung seines (längst nicht beendeten) Lebenswerks war die Auszeichnung mit dem von der Gema gestifteten „Deutschen Jazzpreis“, der ihm Anfang November 1999 am Rande vom JazzFest Berlin überreicht wurde.

Trotz Festivals und „German All Stars“ fühlt sich Heinz Sauer in einer Club-Atmosphäre offensichtlich wohl. Da steht er nicht steif und slavisch am Mikrofon, sondern geht auf seine Musikerkollegen zu, um in körperlicher Nähe noch enger mit ihnen kommunizieren zu können. „Exchange“ lautet schließlich auch sein Motto für das künstlerische Geben und Nehmen, für eine intensive Interaktion.

In das Esslinger Kulturzentrum „Dieselstraße“ brachte Sauer mit dem Pianisten Markus Becker und dem Kontrabassisten Stephan Schmolck zwei bewährte Sidemen mit, die nach wie vor handwerkliches Geschick mit spontaner Kreativität verbinden. Bestens integriert in das neue akustische Quartett hat sich nun der gleichfalls differenziert und subtil agierende Schlagzeuger Bertram Ritter. Locker und leicht erwächst das Wechselspiel mit den musikalischen Motiven, Sequenzierungen zeugen von einem rationalen Gestaltungssinn. Plump kommen die Themen (aus eigener und fremder Feder) nie daher, oft werden diese nur angedeutet – und die Übergänge zu der improvisatorischen Fortführung sind stets fließend.

Da wurde „Lush Life“ von dem Duke-Ellington-Kompagnon Billy Strayhorn ebenso gestreift wie Thelonious Monks „Round About Midnight“ oder John Coltranes „Naima“. Immer mehr erweist sich Heinz Sauer als Balladenerzähler, der bei seinen Liedern ohne Worte nie in bloße Geschwätzigkeit ausartet. Der profilierte Tenorsaxofonist formuliert hingegen nur das wirklich Essenzielle. Heinz Sauer übt meisterhaft die Kunst des Weglassens. Was zählt, ist sein Sound: die hymnische Kraft des Klangs.

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