Jazzmarathon zum Nulltarif

KORNWESTHEIM. Die Salamander-Stadt Mitte März draußen nasskaltes Schmuddelwetter, drinnen (im Studio der Musikschule) hitziger Jazz. Mehr oder weniger swingende Musik zum Nulltarif – dies gibt es seit 1990 alljährlich  beim kalendarischen Frühlingserwachen. Nun wurde die „Runde 11“ buchstäblich „eingegongt“. Und der gewitzte und seriöse Elfer-Rat besteht aus einem bewährten Team. Michael Uber, Armin Kohnke, Dierk Ott, Thomas Schaefer, Bernd Mathe und Christian Kamm engagieren sich in höchst ehrenamtlicher Weise. Das Kulturamt der Lurchi-Metropole macht finanziell das kompakte Eintagsfestival mit aufstrebenden und auch etablierten Jazzmusikern, die allesamt für eine geringe Einheitsgage auftreten, erst möglich. Freilich Mittlerweile ist der Ansturm zum eintrittskartenfreien Jazzmarathon so angewachsen, dass der Konzertsaal stets überfüllt ist und auch im (verrauchten) Foyer, in dem sich die Darbietungen mittels Videoprojektion verfolgen lassen, eine drangvolle Enge herrscht. Wäre eine andere Spielstätte oder ein anderer Termin mit der Option auf eine Open-Air-Veranstaltung sinnvoll und möglich? Diese Fragen können immer wieder gestellt werden.

Jung und Alt können bei den bewährten „Kornwestheimer Jazzaktionen“ unverbindlich ein „Jazz-Versucherle“ goutieren – so mancher dürfte hier bei derlei Zufallsbekanntschaften der tönenden Art schon auf den Geschmack gekommen sein, als „passiver“ Rezipient oder sogar als aktiver Instrumentalist. Rund sieben Stunden währte jetzt die „Runde 11“. Vielleicht für eine nächtlich flukturierende Laufkundschaft ganz gut, aber nicht opportun für ein stetes konzentriertes Zuhören.

Überaus traditionell startete heuer der Jazzreigen im Haus der Musik Der altgediente Saxophonist und Klarinettist Fritz Münzer scharte fünf Trad-Jünger um sich, um mit der Formation „Dixie Dogs“ einem vergnüglichen Oldtime-Jazz zu frönen. „Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehn“ nunmehr ohne Wortfluss, aber beim Piano-Solo (Christian Kuhn) in Calypso-Gewässern.

Ein bombastischer Knalleffekt dann die „Lumberjack Big Band“ aus Göppingen. Das von dem agilen Alexander Eissele angeführte Orchester beteiligte sich schon wiederholt erfolgreichst beim Wettbewerb „Jugend jazzt“. Jetzt präsentierte sich das Ensemble mit den beiden gleichfalls temperamentvollen Sängerinnen Mona Suzann und Juliana Storck. Entertainment und Swing-Kultur gingen da eine stimmige Symbiose ein. Eindrucksvoll auch, wie der Drummer Michael Grabinger dem legendären Gene Krupa beim Benny-Goodman-Hit „Sing, Sing, Sing“ melodiös auf den Tom-Toms nacheiferte. 

Der (Alt-)Saxofonist Harry Hartmann nennt seine Formation „White Diamonds“, die nun ohne den nach Norddeutschland ausgewanderten „Red Star“, den russischen Gitarristen Vladimir Bolshakov, auskommen muss. Mit dem Schlagzeuger Jogi Nestel und dem Bassisten Branko Amsek wandelt Hartmann nun etwas auf den Spuren von Ornette Coleman harmonisch modal, folkloristisch, archaisch, free-jazzig, aufgerauht.

Gefällig danach mit dem Quartett „Sounds Beyond“ um den Keyboarder Kurt Eisfeld. Ein lieblich fusionierter Jazz-Rock, „Easy Listening“ als Kontrastprogramm.

„Mah-Jong Saxstring“ – dies ist der chinesisch inspirierte Name eines „globalen“ Musikprojekts, das die Grenzen des genormten Jazz weit überschreitet. Nikola Lutz hat auf dem Sopran-, Alt- und Baritonsaxophon als „Jugend musiziert“-Preisträgerin nicht nur das klassische und zeitgenössische Know-how drauf, sie jazzt auch vehement. Entsprechend universell agiert Klaus Marquart, der zwischen gediegener Geige und abstrakter Elektronik pendelt. Bassgitarrist Klaus Marquart und Schlagwerker Manfred Kniel stehen gleichfalls für unorthodoxes Musizieren. Das Kompendium des Quartetts reicht von elektronisch inspirierten und produzierten Klangfarben mit innerer Textur bis zu schroffen Rhythmen. Viel Kreatives für wache Sinne und offene Ohren.

Erst nach Mitternacht kamen die beiden letzten Combos auf die Bühne. Das Ensemble „Silhouettes“ mit Eigenkompositionen des Pianisten Frank Eberle ist dem modernen Mainstream zuzuordnen, während die Band „Schnute“ für den aktuellen „Drum’n’Bass“-Stil steht.

Einen weiten Bogen spannte (wieder) die elfte Ausgabe der Kornwestheimer Jazzaktion von unbekümmertem Dixieland bis zu computerisierter Jetzt-Zeit für tolerante Musik-Gemüter. Ein OK nach der „Runde 11“.