Romantisches und Abstraktes vereint

Esslingen – „I think I have two sides: one is romantic – like Chopin. The other is abstract – but even though it’s abstract, I think it’s still romantic.“ Dies erklärt Michael Jefry Stevens, ein zu zwei musikalischen Seelen in seiner Brust bekennender Jazz-Pianist. Letztendlich sollen aber für ihn Romantisches wie bei Chopin und Abstraktes keine Gegensätze bilden, sondern fusionieren. Der im New Yorker Stadtteil Brooklyn lebende Stevens gastierte nun in einer zusammen mit dem Bassisten Joe Fonda angeführten Gruppe in Esslingen. Besonders beglückt äußert sich Fonda in einem gleichfalls im Internet verbreiteten Zitat, daß er einträchtig zusammen mit Michael Jefry Stevens eine Formation leiten könne. Dessen stete Weiterentwicklung und sein Beitrag für die Musik seien „unermeßlich“. 

Freilich fehlte in der Dieselstraße nun der ursprünglich angekündigte Altsaxophonist Mark Whitecage, welcher in Deutschland vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Gunter Hampel und John Fischer bekannt wurde – der auch auf Klarinette und „sound sculptures“ spezialisierte Avantgardist hatte jedoch bereits Anfang des Jahres verlauten lassen, daß er die Europa-Tournee nicht antreten würde. Mit dabei war jedoch der namhafte agile Trompeter Herb Robertson, vielfach Partner von dem Saxophonisten Tim Berne. Am Schlagzeug saß – wie vorgesehen – der filigran und aussparend handwerkelnde Harvey Sorgen.

Den eher bedächtigen Bill Evans und den rasanten Cecil Taylor nennt Stevens, der zuweilen auch ins Innere des Flügels greift, gleichermaßen als seine pianistischen Vorbilder. Jedoch ziemlich traditionell startete das Konzert. Die Stevens-Komposition „Don’t Go, Baby, Don’t Go“ schien ohrengefällig dem Hardbop-Stil verpflichtet; seine Ballade „For Us“ begann gemütlich mit gestrichenem Baß und weichen Filzschlägel-Tupfen auf Trommel und Becken, um dann vehement mit einem energisch-eruptiven Trompetensolo von Herb Robertson, der gerne diverse Dämpfer, „quetschtende“ halbe Ventile und eine rauhe Tongebung verwendete, zu enden.

Harmonisch gebundene und deutlich konzipierte Stücke wechselten mit atonalen Improvisationen ab – so kam bei dieser Art von Programmzusammenstellung keineswegs Langeweile auf. Im Ensemble entfaltete sich da eine enge musikalisch-rhythmische Motivverzahnung, und auch bei subtilen Geräuschaktionen herrschte eine aufmerksame Kommunikation. Da küßte Robertson seine Trompete, wie dies einst der virtuose Blechbläser Al Hirt bei „Sugar Lips“ praktizierte (auch der neue türkische Pop-Star Tarcan gelangte mit derlei schmusenden Schmatzereien in die Charts).

Viel Spaß bei seinen deutschsprachigen Ansagen und im Musizieren zeigte Joe Fonda – besonders, wenn er parallel zum Instrumentenspiel sang und doppelgriffig seine Saiten glissandieren ließ. Quartett anstatt Quintett: „The Fonda/Stevens Group“ ließ die Sache relaxt und multi-stilistisch angehen. 

Am 21. Mai tritt Michael Jefry Stevens nochmals in Mittleren Neckarraum an. In einer Veranstaltung von und im Jazzclub Ludwigsburg wird hierbei der Pianist mit neubesetztem Trio spielen.

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