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Review: Tamara Lukasheva Quartett – Homebridge

Tamara Lukasheva - Homebridge  Cover

Traumton Records

Der Opener beginnt mit schnellem Gesang, Energieschüben und dynamische Wendungen sowie östlichen Einflüssen. Doch schon als zweites folgt der Titelsong „Homebridge“ als Ballade mit der unverkennbaren und eindringlichen Stimme von Tamara Lukasheva.

Ihre Komposition „Alte Häuser“ verwendet die Komponistin zum Einstieg in den Scat-Gesang und zur Verwendung von Geräuschen als Metapher der Vergänglichkeit sowie des Loslassens. Scattend nutzt die Sängerin-Pianistin vor allem das fröhlich hüpfende „Where are you going, yanichku“ – zum Sprechgesang, Flüstern und Stöhnen sowie ostinaten Piano-Figuren das Lied „Awake“. „Marisija“ basiert mit einigen Melodica-Passagen und schnellen Vokalisen auf einem ukrainischen Volkslied.

Tamara Lukasheva wurde 1988 in Odessa geboren und entstammt einer musikalischen Familie – die Mutter ist klassische Pianistin, der Vater genießt einen guten Ruf als Jazz-Saxophonist. Oft reist Tamara in ihre Heimat und lebt bewusst in beiden Kulturkreisen seit sie vor rund acht Jahren nach Köln kam und dort ihr bis heute unverändertes Quartett mit dem Pianisten Sebastian Scobel, dem Bassisten Jakob Kühnemann und dem Schlagzeuger Dominik Mahnig gründete.

Die CD „Homebridge“ bietet emotional und handwerklich brillanten modernen Vocal-Jazz mit unverkennbar eigenem Charakter. Immerhin gilt Tamara Lukasheva (Vocals, Piano, Carillo und  Melodica (zu der sie in „Odna doma“ greift,) als eine der herausragenden Stimmen und Multi-Talente des Jazz in Deutschland. Ihre ungewöhnlich wendige und präzise ausgefeilte vokale Ausdruckskraft verbindet sich mit meist verspieltem Piano – auch mit dem Pianisten Scobel. Sie hinterlässt tiefe Eindrücke – wie in der Ballade „The moon is clear“. „Ich werd´ aufhören, zu verschwinden“ nennt die Sängerin eine Komposition, die in einem dynamischen Bogen von unbegleiteten, feinsinnigen Klaviertupfern und Flüstergesang zum kraftvollen Tutti anschwillt.

Das Album „Homebridge“ fesselt mit großer musikalischer Spannweite, raffinierten Ideen und Intensität. Tamara Lukasheva hatte einen bestimmten Charakter der Stücke vor Augen und notierte daher die Kompositionen im Vorfeld präziser als früher, sagt sie. Diese Neujustierung des künstlerischen Fokus lässt weiterhin Improvisationen zu, führt aber vor allem zu einer pointierteren Ausarbeitung der bandeigenen Klangfarben.

Die Musik der Künstlerin klingt deshalb immer originär und sensibel, bewegt sich im Spannungsfeld von starken Melodien, osteuropäischen Einflüssen, dynamischer Improvisation und Hingabe. Die Imagination reicht von Klängen und Geräuschen sowie von klassischem Jazzgesang bis zu dadaistisch zugespitzter Vokalkunst. Kompositionen und Arrangements offenbaren auch nach mehrmaligem Hören noch neue Nuancen und Details, die die Variabilität und den Ideenreichtum der Künstlerin mit den ukrainischen Wurzeln belegen. Im Begleitheft zur CD sind die Worte zu den Kompositionen abgedruckt, denn die Künstlerin legt großen Wert auf die enge Verbindung von Musik und Text.

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