Livio Minafra in der Rüsselsheimer Jazzfabrik, 16. Januar 2006

Auf dem Boden vor dem Bösendorfer Flügel liegen eine kleine Plastikente, eine Rassel und eine Trillerpfeife neben einer Fahne in den italienischen Farben und der Aufschrift „Peace“ – Teile einer Inszenierung, wie das Spiel des jungen Pianisten Livio Minafra, das mal mit dramatischer sinfonischer Wucht einherstürmt, sich hin und wieder in verträumten Romantizismen verliert, um schließlich in drivenden Swing zu münden. Neben der ausdrucksstarken Theatralik zeichnet eine gehörige Portion Humor das Solospiel aus, mit dem der 23-Jährige über 90 Minuten das Publikum in der Rüsselsheimer Jazzfabrik gefangen nimmt.

Das Konzert beginnt mit „Le danze dello Zefiro“, einer Komposition, die sich auch auf seiner CD „La dolcezza del Grido“ (Die Sanftheit des Schreies oder Crying with Tenderness) wiederfindet. Der Titel erhebt die Gegensätzlichkeit zum Programm, die den Reiz der Stücke ausmacht; dieses Pendeln zwischen impressionistischen Läufen und explodierenden Clustern, zwischen perlenden Single-Note-Reihen und treibenden Akkordschichtungen. Abrupte Tempowechsel und extreme Dynamiksprünge, Verfremdungen mit Metall- und Plastikutensilien auf den Saiten des Flügels, kurze Einwürfe mit Flöten und Hupen – all dies wirkt nicht aufgesetzt, sondern als schlüssiges Konzept sowie Ausdruck unbändiger Spielfreude.

„Ich wollte als Kind eigentlich Schlagzeug spielen“, erzählt Livio. Sein Vater, der Jazz-Trompeter Pino Minafra, habe ihm aber geraten, Klavier zu lernen, weil dies solider sei. „So habe ich eben das Schlagzeug auf das Piano übertragen.“ Das macht sein percussives Spiel auf dem Instrument nachvollziehbar. 

Inzwischen schüttelt Livio Minafra ein Glöckchen, das er zwischen den Zähnen hält, variiert das Motiv eines neapolitanischen Volksliedes in den hohen Lagen zu ostinaten Bass-Akorden, die er zu einem weiten Spannungsbogen reiht, wechselt Bass- und Melodiehand und leitet zu Romantizismen über. 

„Gerbietta“ hebt mit Free-Jazz-Eruptionen an. Der Pianist unterstreicht seine kraftvollen, rasenden Läufe mit Clustern, die er mit dem rechtem Unterarm in die Tasten haut. Dann wechselt er unerwartet in melodische Jahrmarktsfolklore. „Choo Choo Train“ greift Kinderlied-Motive auf. 

Vorbilder aus der Jugendzeit wie der Amerikaner Cecil Taylor und der Italiener Nino Rota treffen aufeinander. Verspielt und fantasievoll nutzt Minafra die Möglichkeiten des Instruments, doch klar strukturiert ist seine Konzeption. Livio Minafra nutzt die Freiheit der spontanen Improvisation, um Bögen zu schlagen vom Mittelalter bis zur Neuzeit, von der Folklore über die Klassik bis zum Avantgarde-Jazz, verbindet ohne Brüche freie Klänge mit der Harmonik alter Tänze. Dies alles ist an sich nicht neu. Auch andere Pianisten haben diese Symbiose mit technischer Perfektion vollzogen. Doch Livio Minafra hat trotz seiner Jugend einen unverwechselbaren Personalstil gefunden, der zudem durch Leidenschaft und Spielfreude mitreißt.

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