„Jazz in Progress“ bei der Jazzfabrik Rüsselsheim Ken Vandermark und Oliver Leicht, 21. April 2005

Die musikalische Verwandtschaft ist unüberhörbar: Der junge Saxophonist Ken Vandermark aus Chicago hat sich an der Seite des Free-Jazz-Veteranen Peter Brötzmann einen Namen gemacht. Mit seinem Free Music Ensemble ist Vandermark beim Festival „Jazz in Progress“ der Rüsselsheimer Jazzfabrik seinem Bekenntnis gerecht geworden, zu spielen, so wie es ihm gefällt – frei improvisierend, ekstatisch, kraftvoll und emotional. Seine klangmalerischen Ausflüge auf dem Tenor- und dem Baritonsaxophon nehmen die Tradition auf und interpretieren sie neu. So fügen sich zwischen die orgiastischen Free-Stakkati wundervolle Bebop-Phrasen. Mehr noch als auf den Saxophonen lotet Vandermark auf der Klarinette die Möglichkeiten der Tonbildung aus, findet wie in der Zugabe des Rüsselsheimer Konzertes „schräge“ und überspitzt überblasene Sounds neben „reinen“ Harmonien. 

Im Bassisten Nate McBride hat der Saxophonist einen Partner gefunden, der ebenso frei und unbekümmert mit Harmonien umgeht, der besonders mit dem Bogen sich an die Klangbildung der Klarinette anschließt, der aber auch straight geführte Linien zupft. Schlagzeuger Paal-Nilssen Love wechselt von hartem „pulse“ zum kurzzeitig swingenden Vier-Viertel, setzt knallige Akzente mit den Sticks auf den Trommeln oder hymnische Beats mit den Klöppeln.

Das dreiteilige „Broken – Sentence – Broken“ zum Abschluss des offiziellen Konzertteils steht beispielhaft für das Konzept Vandermarks. Knallige Tenorsaxophon-Akkorde, harte Schläge auf den Drums und eine Con-Arco-Bass-Untermalung werden abrupt von einem expressiv überblasenen Saxophonlauf abgelöst, der schließlich in ein kreischendes Crescendo mündet sowie in ein kollektives Stakkato. Scheinbarer Wohlklang im mittleren Satz mit zunächst gestrichenem, später straight gezupftem Bass-Solo über sanften Trommelwirbeln sowie einem nahezu astreinen Bebop-Lauf gehen schließlich in einer Explosion auf – werden fortgeführt mit Stakkato-Geschnatter auf dem Saxophon, harmonisch verqueren Akkordreihen auf dem Bass und von einem kraftvoll drivenden Schlagzeug. 

Gegen dieses dreifache Energiebündel des Free Music Ensembles wirkt die „Herrenrunde“ des aus Nauheim bei Rüsselsheim stammenden Saxophonisten Oliver Leicht eher konventionell. Singbare Linien auf den Altsaxophon, perlende Läufe auf der Gitarre, harmonisch reizvolle Linien auf dem Bass und ein pulsierendes Schlagzeug bewegen sich dennoch recht frei im Hauptstrom des Jazz. Der Klang des Quartetts wird zeitweilig stärker von den bestechenden, weit schwingenden und ab und zu in Glissandi verfallenden Gitarrenläufen als vom Saxophonsound bestimmt. Charakteristisch für die Herrenrunde sind jedoch die zweistimmigen und Unisono-Passagen von Gitarre und Altsaxophon in den Kompositionen, die – bis auf Charlie Parkers „Segment“ – aus der Feder Leichts stammen. Überraschungen in der Musik des Quartetts geben vor allem Details preis – wenn etwa in „Taunusstraße“ nach dem Unisono-Auftakt von Gitarre und Saxophon der Bass und das Schlagzeug rhythmisch aus der Reihe tanzen, wenn ein perlender Gitarrenlauf flirrend aufgeraut wird, die Klarinette Flötentöne produziert und das Schlagzeug kraftvoll treibend solistisch eingreift. Stimmungs- und Tempowechsel, schwebende Klänge, das Zusammenspiel von Gitarre und Saxophon mit verzierendem Umspielen und Wechsel in der Melodieführung – all dies kennzeichnet die Kreativität, mit der Oliver Leicht komponiert und mit der das Quartett die Themen interpretiert.

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